InspirationWeltreise Tagebuch

Sechs Monate unterwegs – Gedankenspiele

Reisen verändert. Das sagte man mir sehr oft, bevor wir losgefahren sind. „Endlich hast du Zeit, das zu tun was du möchtest“ wurde mir auch gesagt. Nach nun einem halben Jahr auf der Straße, merke ich tatsächlich Veränderung.

In den ersten Wochen wollten wir schnell ankommen. Wir wollten nach Griechenland oder in die Türkei fahren um endlich mit unserer Reise zu beginnen. Bereits dann hatten wir die Deadline im Kopf, am Ende des Sommers in China sein zu müssen. Wir wollten keine Kompromisse eingehen, alle Länder auf dem Weg sehen. Vieles erleben und auf keinen Fall stillstehen.

Ein ungeplanter Abbruch der Reise hätte mir zu diesem Zeitpunkt zugesetzt. Wir haben den Plan erstellt, mit unserem Budget einmal um die Welt zu fahren. Das wäre in drei bis vier Jahren möglich. Genau das wollten wir durchziehen.

Die erste Planänderung kam schnell. Es kostet viel Geld um durch Myanmar und Thailand zu fahren. Das möchten wir uns nicht bieten lassen. Südostasien ist auch mit dem Rucksack sehr gut zu bereisen, vielleicht sogar besser als mit dem eigenen Fahrzeug.

Daher möchten wir Calimero von Indien verschiffen. Auch dafür haben wir einen Plan, der ist neu. Wir haben frisch unser Indien Visum abgeholt, welches nun sechs Monate gültig ist. Planmäßig werden wir daher Anfang März Indien verlasse, und Calimero nach Kanada verschiffen.  Falls wir uns dort aber wohl fühlen und nicht gehen wollen, werden wir in Nepal ein zweites Indien-Visum beantragen können.

Wenn man nach 6 Monaten auf der Straße beginnt, den Zeithorizont für einen anderen Kontinent zu planen, werden auf einmal andere Zeiten veranschlagt. Ursprünglich wollten wir in einem Jahr durch die Amerikas fahren. Das ist unserer jetzigen Meinung nach völliger Blödsinn. Alleine Nordamerika wird uns vermutlich als zwei Jahre abverlangen.

Diesem Drang der Entschleunigung möchten wir nachgeben. Denn wir möchten Freiheit haben. Freiheit ein Land früher zu verlassen, das uns nicht gefällt aber vor allem die Freiheit in einem Land länger zu bleiben um die Perlen des Landes in aller Ruhe zu erkunden.

Falls uns Nordamerika gefällt, hat das aber einen immensen Einfluss auf unser Budget, denn Nordamerika ist teuer. Wir können zwar recht günstig gemeinsam leben, aber wir müssen realistisch bleiben. Mit 1200 Euro im Monat werden wir in Nordamerika wahrscheinlich nicht zurechtkommen.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass wir vielleicht Südamerika und Afrika auf dieser Tour nicht bereisen werden. Wir müssten zuerst wieder arbeiten gehen.

So spinnen unsere Gedanken weiter. Wie sieht dann ein möglicher Plan für nach der Reise aus? Werde ich wieder im Innovationsbereich eines Großkonzerns arbeiten? Jetzt kann ich mir das wieder viel besser vorstellen, als direkt nach der Abfahrt. Werden wir in Deutschland, der Schweiz oder in Kanada arbeiten? Wird Claudia etwas mit Tieren machen können? Wollen wir auf dem Land wohnen oder in der Stadt? Wollen wir selbstständig oder als Angestellte arbeiten?

Es gibt so viele Fragen, die wir heute noch nicht beantworten können. So viele Variablen auf dem Weg, der unsere Zukunft bestimmen wird. Manche werden behaupten, dass wir uns verkopfen, uns zu viele Gedanken machen, aber genau das gibt uns Kraft und Antrieb. Wir wollen Visionen haben, Pläne schmieden und wieder verwerfen. Claudia und ich fühlen uns kreativer denn je.

Viel Spaß macht vor allem die Planung unseres nächsten Reisemobils. So lieb uns der Defender ist, wir möchten uns für unsere nächste Reise etwas vergrößern. Irgendwann werden vielleicht Kinder im Spiel sein und wir wollen mit einem etwas zuverlässigerem Fahrzeug fahren. Das wird mehr Geld kosten, aber dafür bin ich gerne bereit hart zu arbeiten. Dafür werden wir bei unserer Rückkehr keinen großen Flachbildschirm und auch keinen Thermomix kaufen. Vielleicht bleiben wir aber doch bei Land Rover, noch haben wir genug Zeit, diese Entscheidung zu treffen!

Bei all den Plänen kommt hinzu, dass wir auf unserer bisherigen Reise so viel gelernt haben. Wir haben gelernt, was es bedeutet 24/7 miteinander auszukommen, miteinander zu reden und zu schweigen, Konflikte auszutragen und beizulegen.

Zentralasien war für uns zuvor ein weißer Fleck auf der Landkarte, jetzt nicht mehr. Wir haben viel von den Menschen über die dortigen Lebensverhältnisse gelernt.

Viele Menschen haben sehr viel weniger als wir Mitteleuropäer. Trotzdem werden wir angelächelt und eingeladen. Trotzdem zeigt man uns mit Stolz den 25 Jahre alten Audi oder die zwei Hühner im Familienbesitz. Neid? Fehlanzeige. Es bleibt bei der Verwunderung, wie wir so lange ohne Arbeit leben können.

Ich erinnere mich daran, wie wichtig mir in Deutschland die nächsten 5% Gehaltserhöhung oder der Audi A4 als Firmenwagen war. Das verliert an Bedeutung, wenn man unterwegs ist. Meine alten Kollegen erinnern sich bestimmt an Diskussionen über die Qualität der Kantine, den Zuwachs an Arbeit bei gleichbleibendem Gehalt oder den teuren Grundstückspreisen in der Region.

Wir sind durch Regionen gefahren, in denen die Menschen sich damit beschäftigen, Essen für den ganzen Winter zu haben oder Strom den ganzen Tag. Eine eigene Dusche oder ein Klo im Haus sind Dinge, von denen viele Menschen träumen. Das erdet.

Wir haben aber auch gelernt, dass wir immer wieder Abstand von den fremden Kulturen brauchen, durch die wir reisen. Wir empfinden die Kommunikation mit den Einheimischen als bereichernd aber auch anstrengend. Nach mehreren Tagen „in den Fängen“ einer iranischen Familie suchten wir die Freiheit in der Natur.

Seit dem Iran brauchen wir mehr Abstand zu den Menschen. Der Iran hat uns so sehr geprägt, dass wir Einheimischen zuwinken und auch gerne ein paar Sätze sprechen, aber nicht immer zum Tee eingeladen werden wollen.

Wir lieben die Freiheit genau das entscheiden zu können. Das unterscheidet uns vermutlich von einigen anderen Reisenden, die nicht lieber machen, als in den Jurten der Einheimischen zu schlafen, lokales Essen verputzen und sich bei Wodka und Bier ohne gemeinsame Sprachgrundlage stundenlang mit den Einheimischen zu unterhalten.

Wir fahren lieber hinaus in die Natur, fahren wilde Pässe, stellen unseren Stuhl in die Sonne und beobachten die Pferde-Herde beim grasen, lesen ein Buch, machen ein Feuer und schauen uns den Sternenhimmel an.

Sechs Monate sind wir nun schon unterwegs, wir können unser Glück immer noch kaum fassen. Es gibt Tage, an denen wir uns wünschen, das für immer machen zu können. Es gibt aber auch Tage an denen wir am liebsten zu Hause auf der Couch liegen würden.

Vorerst überwiegt die Lust des Reisens sehr stark und wir werden weiterfahren. Pakistan, Indien und Nepal warten auf diesem Kontinent noch auf uns, bevor wir dann den Sprung auf den nächsten Kontinent wagen.

Auch im nächsten halben Jahr werden wir fleißig unsere Geschichten aufschreiben, Bilder schießen und Informationen veröffentlichen. Eure Bodensee Overlander

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7 comments

  1. Ja – das was ihr beschreibt kommt beim langzeit reisen immer auf. Sei es mit rucksack oder mit dem auto. Wichtig ist das es euch immer noch spass macht und ihr einen plan habt wie die naechsten 6 monate ausehen sollen. Das reicht.
    Wenn ihr in Canada seit und eine arbeit finded wird die welt weitere 6 monate spater wieder anders aussehen. Seit flexible und trefft entscheidungen die eueren wunschen nahekommt. Im augenblick sollte nur das reisen wichtig sein alles andere verschleiert das erlebniss”reisen” doch zu stark. Solange ihr einen plan habt gehts auch forwaerts.

  2. Besorgt ihr euch eigentlich einen neuen Pass bevor ihr nach Kanada oder in die USA einreist? Vor allem letztere sind nicht so gut drauf wenn sie Stempel aus muslimischen Ländern sehen. Insbesondere beim Erzfeind Iran…

    1. Wir werden ein Visum beantragen und die Interviews wahrheitsgemäß beantworten. Wenn es nicht sein soll, dann soll es nicht sein. Aber ich denke, das wird kein Thema.

  3. Hallo Claudi und Bernd,
    Vielen Dank für den schönen Bericht und den Einblick in eure Gedanken. Ich lese immer gerne wie es denn anderen Reisenden ergeht. Vieles kommt mir bekannt vor. Wir haben uns auch noch nicht entschieden wie wir von Australien weiter wollen. Die Variante Südostasien ist aus den von euch erwähnten Gründen für uns auch gestorben. Nun müssen wir einen Plan B, S oder sogar D ausdenken. So bleibt aber das Reisen immer spannend uns man lernt jeden Tag immer wieder etwas dazu.
    Weiterhin ganz viel Spass beim Reisen und Entschleunigen. Was gibt es schöneres als zu entdecken.
    Sonnige Grüsse,
    Marcel (SwissNomads)

    1. Hi Marcel,
      mein Kopf arbeitet immer mit Plan B-F. Das belastet mich gar nicht, sondern gibt mir Gelegenheit Plan A mit der notwendigen Ruhe anzugehen.

      Liebe Grüße nach Australien!

      Cheers,
      Bernd

  4. Kommt uns alles sehr bekannt vor. Ähnlich erging es uns bei unseren ersten Auszeit in Afrika.

    1. Ich bin ja schon sehr gespannt, wie sich das über die nächsten Auszeiten so entwickelt 🙂 Liebe Grüße aus Sary Tash. Morgen geht’s nach China!

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