Autor: Bernd

Verdammt, es wird wieder kalt, denken wir uns kurz! Die letzten Tage in Nova Scotia gab es immer wieder wärmere Tage und jetzt fahren wir nach Neufundland, wo alles wieder fünf bis zehn Grad kälter ist. Doch obwohl es stürmt, fühlen wir uns schnell mit der Insel verbunden.

Schon die Fährfahrt ist spezieller Natur. Wir haben uns am Nachmittag die Karten für die Morgenfähre um 11:45 besorgt. Um 21:30 Uhr bekommen wir am Vorabend einen Anruf. Die Fähre wird ausfallen. Das Wetter soll schlechter werden. Sie würden uns morgen auf die 23:45 Uhr Fähre buchen. Da wir aber schon gedanklich mit Nova Scotia abgeschlossen haben und sowieso schon am Hafen übernachten, bitten wir um die Umbuchung auf die Fähre, die in zwei Stunden ausläuft. Die Dame am Telefon ist etwas überrascht und will sich gleich wieder melden.

Keine zwei Minuten später kommt der Rückruf. Wenn wir wirklich in 5 Minuten da sein können, dürfen wir noch mit drauf. Großartig! Also ziehen wir uns fix wieder an, Klappen das Dach zu und fahren zur Fähre, wo wir dann etwas hektischer als geplant unsere Sachen für die Nacht packen (anstatt für den Tag). Da wir keine Kabine haben ist die Überfahrt eine eher Unruhige Nacht. Ich weiß jetzt nach drei Wiederholungen der Sendung “Forged in Fire” ohne Ton immerhin wie man ein richtig schlechtes Messer schmiedet.

Morgendämmerung – ein seltenes Spektakel für uns!
Der erste Blick auf Port aux Basques

Wir schmökern ein bisschen im Reiseführer, werden aber noch nicht so richtig schlau aus Neufundland. Anscheinend gibt es auf den ersten paar Hundert Kilometern nicht all zu viel zu erkunden.

Da wir es nicht besser wissen, fahren wir einfach mal nach Norden weg. Wirklich weit kommen wir aber nicht. Wir finden ein paar Geocaches, gehen am Sandstrand des J.T. Cheeseman Provincial Park spazieren und wollen weiter zu Cape Ray fahren. Auf dem Weg dorthin lacht mich allerdings eine ziemlich steile Schotterpiste an. Die führt direkt auf die Table Mountains und ich kann einfach nicht widerstehen. Claudia ist mit von der Partie. Wenn es um Offroad-Abenteuer geht, brauche ich selten meine charmanten Überredungskünste auszupacken.

Wenn es dich anlacht …

Während die erste Sektion ist noch total entspannt ist, muss Calimero für die steilen Partien im Ersten Gang in der Untersetzung langsam die Felsen hinaufkrabbeln. Immer wieder rutscht Calli ein bisschen herum, denn das Geröll ist lose. Wir schaffen das nach einigem Gepolter aber und haben einen genialen Ausblick.

Ausblick vom Table Mountain

Wie so oft müssen wir aber wegen Schnee wieder umdrehen. So holpern und poltern wir wieder dem Meer entgegen. Als wir einen kurzen Check ums Fahrzeug herum machen, sehe ich, dass wir uns einen Reifen ordentlich demoliert haben. Ein Stück eines Stollen hat es herausgerissen und man sieht das Gewebe des Reifens.

Holter-di-Polter. Runter ist entspannter als hoch!
Kaputter Reifen – sowas fahren wir nicht weiter!

Wer solch Ausflüge mit seinem Fahrzeug macht, muss halt auch damit rechnen, dass was kaputtgeht. Es hat auf jeden Fall riesig Spaß gemacht, mal wieder was anspruchsvolleres zu fahren. Wir nehmen uns vor, demnächst mal nach einem neuen Reifen Ausschau zu halten. Die beiden Vorderreifen sind sowieso schon relativ weit runter.

Auf der Suche nach einem Stellplatz für die Nacht folge ich einem Weg zurück zum Highway (auf dem wirklich SEHR wenig Verkehr herrscht). Allerdings ist vor der Auffahrt ein steiler kurzer Hügel, den ich auch direkt frontal anfahre.

Claudia sagt noch, ich soll lieber rechts dran vorbeifahren, aber ich weiß alles Besser. Rumms, und schon bin ich mit dem Rahmen ordentlich aufgesessen. Wir ergänzen den Offroad-Tag noch mit einer kurzen Wühlerei im Schlamm und finden dann unser erstes Nachtlager auf Neufundland. Am Abend lesen wir beim erneuten rumschmökern im Lonely Planet, dass man es ja nicht wagen sollte, diesen Weg zu fahren. Die Redakteure sind wohl noch nie Land Rover gefahren.

Obwohl wir unglaublich aktiv waren, ist erst der halbe Tag rum. Ist schon blöd, wenn man um kurz nach 07:00 Uhr morgens von der Fähre fährt. Da der Vormittag wirklich aktiv und aufregend war, verschwindet der Nachmittag zwischen mehreren kurzen und längeren Schläfchen. Was wir nicht wissen, Wreckhouse ist berühmt berüchtigt für seinen starken Wind. Hier pusten Böen mit bis zu 160 km/h die Berge herunter.

Tjo … ganz so stark ist der Wind heute nicht, aber tatsächlich das erste Mal so stark, dass wir nicht mit aufgeklapptem Dach schlafen können. Wir testen also zum Zweiten Mal auf dieser Reise unser Notbett und diesmal sind wir mehr als zufrieden. Das geht gut.

Der nächste Morgen ist verregnet und grau, also fahren wir bis nach Stephenville und vertrödeln den halben Tag in Cafés. Da wir eine Weile neben einem Friseursalon stehen, bekommt Claudia einen Neuen Farbanstrich und die Spitzen geschnitten. Die Friseurin ist so begeistert von Claudia und unserem Trip, dass sie Claudia alles mitgibt, was sie braucht um sich in Zukunft selbst die Haare zu färben.

Am späten Nachmittag klart der Himmel nochmal auf. Wir nutzen die Chance auch sofort aus. An Port au Port vorbei cruisen wir gemächlich in Richtung des Kaps St. George.

Mich faszinieren die vielen kleinen Holzbuden am Meer
Calli am Meer

Ein Schild lenkt meine Aufmerksamkeit auf einen kleinen Nebenweg. “Hidden Falls”. Das Schild war so klein, dass wir erstmal am Weg vorbeifahren. Aber irgendwie klingt es einladend und so drehen wir um sehen mal nach, wo der versteckte Wasserfall wohl sein mag. Wir finden eine kleine Bucht mit Fischershütten vor. Hinter den Hütten rauscht ein großer Wasserfall (Hidden Falls!) in einen See.

Die Hidden Falls

Wir stellen Calimero neben einer der Hütten ab. Da der Wind immer noch stark pustet, hatten wir uns auf eine weitere Nacht im Notbett eingestellt. Jetzt aber können wir aufklappen, da uns die Klippen und die Hütte Windschutz liefern. Die Fischer vor Ort heißen uns herzlichst willkommen und machen uns auf die zwei Trails aufmerksam, die wir auch fleißig erkunden.

An den rauen Felsen kann ich nach langer Zeit mal wieder ein bisschen Bouldern um dann den Tag mit einem Lagerfeuer am Strand gemütlich zu beenden.

Boulder Felsen bei den Hidden Falls
Basstölpel im Sturzflug vor der Abenddämmerung
Wenn das nicht ein ordentliches Lagerfeuerplätzchen ist …

Am nächsten Morgen dürfen wir miterleben, wie die Fischer mit frischem Fang wieder an Land kommen. Es gibt im Dorf hier nur noch zwei Fischerboote. Eins gehört Bobby, das andere seinem Cousin. Wenn die Boote allerdings anlegen hilft Junior, ein älterer Herr mit wenig Zähnen, beim Ausladen und mehrere Leute der Familie und des Dorfs kommen zu Besuch um direkt Hummer vor Ort abzugreifen oder beim Transport zum Großeinkäufer zu helfen.

Der Nachwuchs hat nur Bedingt Interesse am Fischen. Vor allem die Töchter möchten sich aus dem Geschäft heraushalten, sagt Bobby. Es muss ein hartes Geschäft sein. In 10 Wochen müssen sie die Gehälter fürs Gesamte Jahr verdienen, sagt er. Neufundland ganz nah!

Junior zeigt uns auch ein wenig herum. Er erklärt mir mit breitestem Neufundland-Dialekt, dass die Hidden Falls im Sommer trocken liegen und nur bei Regen Wasser führen. Mir fällt es schwer ihm komplett zu folgen, aber mit einem Daumen nach oben und einem Lächeln scheine ich nichts falsch zu machen.

Nach dem interessanten Morgen folgen wir weiter der Küste und gelangen an das Cape St. George. Weder der Lonely Planet noch irgendjemand anders hat uns auf diese fantastischen Klippen vorbereitet.

Klippen bei Cape St. George

Wir können ein bisschen an der Klippenlandschaft entlangfahren und wandern dann ein gutes Stück die Klippen entlang. Hier gibt es einen genialen ATV-Weg an den Klippen entlang. Aber diesmal passt auch unser Calimero nicht durch die engen, freigemachten Waldwege, schade!

Der ATV-Pfad entlang der Klippen

Da wir eigentlich nur kurz spazieren gehen wollten, drehen wir nach der Sichtung der großen Vogelklippe wieder um. Wer weiß, was noch alles auf uns gewartet hätte. Wenn das auf Neufundland so weitergeht, bekommen wir einen Ausblicks-Burnout.

Zwar keine Elche, aber dafür schöne Vögelchen
… und nochmal ein toller Vogel – wir sind keine Vogelbeobachter, aber man nimmt was man kriegt!
Was ne mega Klippe, oder?

In Corner Brook haben wir auf iOverlander einen Eintrag gesehen, dass für Reisgeschichten eine freie Dusche und ein Stellplatz für die Nacht geboten wird. Hey, das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Als wir bei Nolan und Ashley aufschlagen, sind auch gerade die Eltern zu Besuch. Die wundern sich kurz über die Fremden, heißen uns dann aber auch herzlichst willkommen. Nolan und Ashley bauen gerade eine kleine Kabine auf den Jeep. Im August fahren sie von Neufundland nach British Columbia, wo Ashley einen Job für einen Monat hat. Dann haben sie bis November Zeit, British Columbia zu erkunden, bevor sie wieder nach Hause müssen.

Es ist das erste Mal, dass ich einen Jeep mit Kabine sehe und bin begeistert von den Plänen der beiden. Nach einem langen Abend mit ein paar Bier gehen wir ins Bett und lassen über Nacht etwas Schnee auf Calimero rieseln.

Nolan, Ashley, Rocky und Claudia
Der Jeep von Nolan

Ob Offroad-Wege, Wasserfall, Strand, Klippe, Fischer mit unverständlichem Dialekt oder Overlander-Kumpane – Neufundland hat einen durchweg positiven ersten Eindruck hinterlassen. Ich denke, dass sich der Eindruck so schnell nicht ändern wird.

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