Autor: Bernd

Sind wir übersättigt? Haben wir genug? In den letzten Tagen stellen wir uns immer wieder diese Fragen. Noch ein Leuchtturm, noch eine Klippe und noch ein Strand. Dann wieder Sturm, horizontaler Regen und wieder einmal eine Nacht im Notbett. Wir nehmen uns sogar eine Nacht in einem Bed & Breakfast.

Obwohl wir beinahe jeden Tag tolle Dinge erleben und mit Fogo Island auch ein absolutes Reise-Highlight direkt hinter uns liegt, erscheint uns das Leben derzeit mühsamer als wir es uns mit dem Schritt in die Freiheit erwünscht haben.

Vermutlich liegt das daran, dass wir einen Auto-Koller haben. Wenn wir mittags eine Vesperpause machen, kann ich in meinem Fahrersitz nicht einmal ein Brot schmieren, ohne mich zu verrenken. Draußen vespern ist dann auch keine Option, weil es entweder windet oder regnet, wenn nicht sogar beides zusammen. Hinten drin ist der Platz auch begrenzt, vor allem dann, wenn wir nicht aufklappen können. Wir haben ein Schönwetterauto gebaut – unbewusst.

Damals, auf den Zeichnungen hat das alles gepasst. Auch für die ersten Urlaube war das nie ein Problem. In Schottland haben wir auch viel schlechtes Wetter gehabt. Die Probe hat uns aber nicht darauf vorbereitet, monatelang in solch einer Witterung herumzufahren.

Wir haben auch festgestellt, dass ich einfach kein Mechaniker bin. Ich habe mir viel angeeignet über die Jahre, aber es macht mir einfach keinen Spaß, technische Probleme am Fahrzeug zu haben, geschweige denn sie zu beheben.

Ich habe immer die Sorge, mehr kaputt zu machen, als zu reparieren und diese Sorge ist nicht immer unbegründet. Gerade heute hat unser Calimero jede Menge Öl aus dem hinteren Differential verloren. Das heißt, wir müssen Teile aus England beschaffen und diesen einen Simmering wechseln. Mache ich dabei einen Fehler, muss das hintere Differential raus. Das letzte Mal habe ich mir bei dieser Arbeit den Finger gebrochen. Das geht auch nicht am Straßenrand, dafür brauchen wir eine Werkstatt.

Wenn wir mal ein paar Minuten stehen …

Eine gute Werkstatt zu finden, ist glücklicherweise gar nicht so schwer. Die Pirate Offroad Nation hat uns erst vor ein paar Tagen eine kleine Werkstatt empfohlen. Mit Fred habe ich gemeinsam den Kupplungsgeberzylinder getauscht und das Motoröl gewechselt.

Gemeinsam ist nicht einsam.

Ich erwische mich wieder dabei, nach einem größeren und neueren Fahrzeug Ausschau zu halten. Manchmal suche ich auch nach Jobs. Die SAP sucht nach meinem Profil in Kalifornien. Das hätte doch auch was. Calimero, der uns diese Freiheit zu Reisen überhaupt erst ermöglicht, ist im Gleichen Moment ein großer Klotz am Bein.

Jede Reise hat ihre schwierigen Phasen und so haben auch wir auch unsere. Wir haben uns zu Beginn im Iran sehr schwergetan. Die Hitze hat uns erdrückt, die Gastfreundschaft nahezu überrannt. Dann hat uns Calimero einen Strich durch die Rechnung in Tadschikistan gemacht, als wir auf einmal jede Menge Diesel verloren haben, während ich mit Höhenkrankheit und Durchfall ziemlich schlecht aussah. Indien, vor allem Rajahstan hat uns ebenfalls zugesetzt. Wir hatten einfach keinen Spaß daran, Indien zu entdecken und sind daher zwei Monate in Goa an einem Strand geblieben, bevor wir Calimero verschifft haben.

Dem gegenüber stehen unzählbare positive Momente. Wir haben viele faszinierende Menschen kennengelernt, unfassbare Naturschauspiele erleben dürfen und wir haben so viel Freiheit, wie bisher in unserem ganzen Leben noch nicht. Ich schätze vor allem die Freiheit, kreativ denken zu können. Immer dann, wenn wir an einem Ort mehrere Tage verweilen, füllt sich mein Ideenbuch. Auch Claudia kritzelt immer wieder tolle Gedanken auf. Wir stellen uns viele Fragen und versuchen häppchenweise Antworten zu finden.

Wie könnte unser zukünftiges Zuhause aussehen? Wie viel Platz brauchen wir wirklich? Wollen wir uns beide selbstständig machen oder doch als Arbeitnehmer arbeiten? Wo wollen wir nach unserer Reise sesshaft werden? Wie sieht das nächste Reisefahrzeug aus und wo soll die nächste Reise hingehen? Bauen wir das nächste Fahrzeug wieder selbst oder lassen wir es bauen? Was und wie können wir weitergeben, was uns an Gastfreundschaft und Freundschaften entgegengebracht wurde? Die Fragen werden jeden Tag mehr, die Antworten kommen nur häppchenweise rein und werden immer wieder geändert.

So fahren wir mit all diesen Gedanken und einem ordentlichen Reiseblues nach Bonavista und werden schnell wieder bekehrt. Der Frust sinkt, als wir stundenlang beobachten dürfen, wie das Wasser von einem riesigen Eisberg perlt, während die Sonne dahinter untergeht.

Die Puffins versüßen uns den Folgetag und in der Zwischenzeit habe ich Lösungen gefunden, wie wir das Leck am Differential richten können. Wir dürfen die Dichtungen nach Corner Brook zu Nolan schicken, eine Werkstatt haben wir auch schon an der Hand. Die Achse ist eine Jeep-Achse (Dana 60) und damit kennt man sich hier aus. Sehr gut.

Wir finden im Internet auch Mike. Mike ist begnadeter Land-Rover Schrauber aus England. Jetzt lebt er in Quebec, repariert und restauriert Land Rover und produziert kleine Youtube-Videos über Land Rover Mechanik. Schau doch mal hier.

Genau da wollen wir hin. Wir wollen Calimero von einem Experten fahren lassen. Er soll sich mal alle unsere Problemchen ansehen und diese mit uns gemeinsam lösen.  Auf einmal habe ich wieder Lust an Calimero zu arbeiten. Mit einer helfenden und talentierten Hand im Hintergrund, wird das bestimmt eine tolle Zeit.

Beim nachfüllen des Differential-Öls merken wir, dass sich Wasser mit dem Öl gemischt hat. Das liegt wohl an einer der Furten. Mist! Wir kaufen eine Alu-Einweg-Bratenpfanne für 2 Euro und machen den Ölwechsel bei Mistwetter im Hafen von Bonavista, denn da gibt es eine Altöltonne.

In Trinity laufen wir eine der schönsten Wanderungen auf Neufundland entlang wunderschöner Klippen und sehen sogar einen Otter auf dem Weg zurück zum Auto. Obwohl alle Kanadier fest davon überzeugt sind, dass es ein Biber ist – es war ein Otter!

Wundervolle Ausblicke in Trinity
Ein Otter!

Auf dem Weg den Trans-Kanada-Highway zurück in den Westen von Neufundland stoppen wir erneut im Terra Nova Nationalpark, denn der Campingplatz ist günstig und wirklich gut. Das nutzen wir für ein paar Tage mit warmer Dusche und Wlan.

Am Abreisetag merken wir allerdings, dass unsere Ortliebtasche undicht ist und unsere Rucksäcke schimmeln. Außerdem gibt das zweite 12 Volt Ladegerät für den Macbook auf und das Auspuffende kündigt seinen baldigen Abfall an. Wir ziehen den Mist wohl gerade an. Interessanterweise haben wir unseren Reiseblues schon wieder hinter uns gelassen und all diese kleinen und größeren Problemchen werden angepackt und gelöst.

Die Rucksäcke trocknen – wir haben uns für die Putzaktion eine Moskito-Ecke ausgesucht.

Beim Kilometer-schrubben auf dem Trans-Kanada-Highway müssen wir nur darauf achten, regelmäßig das Differential-Öl zu prüfen und nachzufüllen. Ein paar sonnige Tage tun ihr übriges und wir sind mit vollem Elan wieder zurück im Reisefieber.

Das erinnert mich an Postapokalypsen-Filme … auf dem Weg nach Westen.

Um für uns und unseren zukünftigen Hund mehr Platz im Auto zu beschaffen, beschließen wir eine kleine Modifikation. Wir wollen die mobile Küchenkiste weghaben und bauen uns drei kleine Boxen auf den Schrank. Damit können wir schneller bei Mistwetter umbauen und müssen nicht immer die Küchenkiste und die großen Stühle zur Seite räumen. Jetzt können die Stühl im Mittelgang liegen bleiben, wenn wir unser Notbett bauen und sowohl Fahrer als auch Beifahrersitz bleiben dabei frei. Da passt dann ein Hund drauf. Ich kaufe Schrauben, die weder Kreuzschlitz, noch Schlitz haben, sondern einen quadratischen Einlass.   So etwas habe ich Handwerk-Legastheniker noch nie gesehen. Der große Kreuzschlitz setzt aber ganz gut an und wir bekommen unsere neue Boxenlösung an einem Abend eingebaut und auch eingeräumt. Jetzt werden wir das ein paar Tage testen und dann die Küchenkiste zurücklassen nach ihrem langen Dienst entlassen.

Umbauarbeiten

Wir werden die Lösung die nächsten Tage im Gros-Morne Park testen, während wir auf die Teile warten. Dann werden wir die Nordspitze von Neufundland anfahren und schlussendlich Neufundland nach Labrador verlassen. Über den Trans-Labrador Highway führt unser Weg nach Quebec. Dort wird es wärmer werden und dort wartet auch Mike, der Land Rover Mann auf uns

So ist der Reiseblues diesmal sehr heftig eingetreten, hat uns Zweifeln lassen und uns darüber nachdenken lassen ob wir das alles wirklich wollen. Mit Lösungen in Aussicht und ein paar Tagen mit schönem Wetter sieht die Welt schon wieder viel besser aus und wir haben entschieden, ja wir wollen das genau so!

Es war gut, ein paar Tage zu warten, bis ich diesen Beitrag geschrieben habe. Wir haben auf Facebook schon darüber geschrieben und eure Kommentare haben uns Mut gemacht. Danke! 

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