KalifornienUSAWeltreise Tagebuch

Das zweite Weihnachten – diesmal unter Felsen anstatt Palmen

Weihnachten – das Fest der Liebe, des Zusammenkommens und des Feierns, aber auch das Fest des Kommerzes, einer unendlichen Geschenkeschlacht, vorprogrammierter Familienstreits, der Völlerei und der Aufspaltung (Claudia und diskutieren HEUTE schon, wie man möglichst gut die Familienevents im NÄCHSTEN Jahr unter einen Hut bekommt).

Ist das der Grinch? – so fühle ich mich manchmal! Foto von Bernhard Ornig
Tuco ist auch nicht sooo begeistert

Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht gläubig bin und der Romantik von Weihnachten nicht viel abkann. Ich verbinde Weihnachten mit Zwangsurlaub bei meinem alten Arbeitgeber, der unpraktischer nicht kommen kann und auch bei der Familienzusammenkunft ist mein größtes Highlight der alljährliche Sauerbraten. Wenn ich Weihnachtslieder singen muss, rollen sich mir die Fußnägel hoch und nach dem fünften Familienessen kugel ich nur noch von Termin zu Termin. Mich nervt es, dass Claudia und ich Heiligabend nie zusammen verbringen konnten, weil jeder bei seiner Familie ist.

Trotzdem ist es schön, an Weihnachten Freunde wiederzusehen, die ich selten zu Gesicht bekomme und die leuchtenden Augen der Familienmitglieder zu sehen, wenn sie den Baum schmücken oder Lebkuchen futtern. Auch habe ich an Weihnachten immer wieder ein paar Stunden für mich, an denen ich ein neues Computerspiel spielen kann oder einen guten Film sehen kann.

Doch die letzten zwei Jahre war es anders. Letztes Jahr haben wir mit Freunden einen guten Fisch in Indien am Strand gegessen. Ohne jeglichen Stress sind wir abends essen gegangen und dann war’s das auch schon. Am 25. Folgte ein Barbecue und dann ging es wieder mit dem Alltag am Strand daher. Ein absolutes Highlight für mich!

Dieses Jahr scheint es, dass wir Weihnachten alleine feiern werden. Nachdem wir unseren Platz in einem kleinen Kletter-Eldorado gefunden haben, machen wir nicht viel mehr … als klettern und rumhängen. Tuco muss nach seinen Eskapaden (siehe letzter Beitrag) auch ein paar ruhige Tage einschieben und so stellen wir uns schon auf ein Weihnachten ein, das wie jeder andere Tag ist.

Unser Weihnachtsstellplatz

Ich würde jetzt schon gerne mit meinen Schulkameraden von damals im Wirtshaus in Markdorf ein paar Bierchen zischen oder auf die alljährliche Hüttensause in Österreich gehen, die jedes Jahr am Wochenende vor Weihnachten von Freunden organisiert wird.

Als ich am Rechner wieder einmal die vielen Fragen unserer Leser beantworte, sehe ich eine Mail von Bernhard und Sandra. Die beiden sind auch mit einem Land Rover unterwegs und wir haben sie in Nova Scotia im Frühjahr getroffen. Sie schrieben mir, dass sie sich von Los Angeles nach Las Vegas auf den Weg machen und ich tippe schnell eine Antwort zusammen.

Hi ihr beiden,

wir sind gerade im Sawtooth Canyon in Kalifornien (könnte auf eurem Weg liegen). Koordinaten sind: 34.670453, -116.98411. Kostenfreier Campground inmitten von Kletterfelsen 😊

Lg,

Bernd“

Tja und was machen die beiden – sie kommen vorbei! Sehr cool! Gleichzeitig mit Bernhard und Sandra machen sich auch Magnus und Nicholas auf den Weg zum Sawtooth Canyon. Die beiden lernen wir vor Ort kennen und schon habe ich zwei Kletterpartner gefunden. Bis die beiden aber aus dem Bett kommen, hat mich Claudia schon über sechs Routen gesichert.

Sportkletterausrüstung – der Helm gehört natürlich auf den Kopf wenn’s soweit ist – Foto von Bernhard Ornig

Im fünften Schwierigkeitsgrad cruise ich dem Top jeder Route nur so entgegen. Ich mache mir kaum noch Gedanken über die Abstände der Absicherungen, sondern kann tiefenentspannt klettern.  Wie schon in den anderen Klettergebieten taste ich mich also an die nächsten Schwierigkeitgrade heran und siehe da, auch der sechste Schwierigkeitsgrad geht ganz gut, nur merke ich das Adrenalin stärker bei den Vorstiegen.

Erstmal die Route vom Boden analysieren – Foto von Bernhard Ornig
Da muss ich mich ordentlich festhalten- Foto von Bernhard Ornig
Am „Finger“ – die Crux kommt recht weit oben, aber auf dem Band kann man sich das in Ruhe ansehen – Foto von Bernhard Ornig
Zack – ein paar Züge und dann ist das auch geschafft – Foto von Bernhard Ornig
Wundervoller ausblick! – Foto von Bernhard Ornig
„The Finger“ von weiter weg

Das Highlight ist eigentlich eine ungewollte Kletterei einer Route im siebten Schwierigkeitsgrad, die ich nur im Vorstieg klettere, da ich zu diesem Zeitpunkt von etwas viel Leichterem ausgehe. Erst als ich über dem zweiten Haken keinerlei Griffe für mich mehr finde, muss ich experimentieren und komme schlussendlich doch noch hoch. Sehr cool! Im Nachstieg klettere ich dann noch eine weitere 6+ und versuche mich an einem Offwidth (Riss, der breiter ist als meine Faust, aber nicht breit genug für den Körper) und scheitere grandios. Auch in den folgenden Tagen versuche ich mich immer wieder an Routen im siebten Schwierigkeitsgrad und scheitere bei jedem Versuch.

Auch andere Kletterer tun sich am Offwidth Einstieg in die Route schwer

Da ist also die Grenze, die es zu verschieben gilt. Es folgen aber auch einige leichtere Routen die mir im Vorstieg das Adrenalin durch den Körper pumpen. Vor allem die Open-Shut Standplatzhaken bei einigen Routen fühlen sich komisch an. Das sind Haken, die nach oben komplett offen sind. Das heißt, dass das Seil beim Abseilen nur nach unten belastet werden darf, sonst könnte es aus den Verankerungen herausrutschen. Wenn dann auch noch zwei der drei Haken locker sind, dann treibt mir das schon etwas Schweiß auf die Stirn. Dazu kommt, dass das 70 Meter Seil soweit ausgelastet ist, dass ich die letzten 2 Meter abklettern muss, da das Seil zu kurz ist. Ein bisschen Abenteuer muss ja dabei sein!

Als dann noch Will und Jessica in die Kletterrunde dazustoßen wird es immer spannender. Will ist schon fünf Mal den El-Capitan geklettert und hat Unmengen Erfahrung im Bigwall-Klettern. Die beiden leben den absoluten „Dirtbag“-Traum der amerikanischen Kletterer. Mit knapp 30.000 Dollarn auf der Seite wollen sie die nächsten drei bis vier Jahre durchkommen und so viel Klettern wie es nur möglich ist.

Alles in allem ist das Gebiet in dem wir gelandet sind ein absoluter Volltreffer für moderate Routen und etwas Klettertraining. Nur das Lauftraining kommt hier absolut zu kurz. Die Motivation ist derzeit gering, stinken tu ich sowieso schon genug und mein Knie schmerzt ein wenig.

So sehen unsere Vorratskisten aus
Ein bisschen Zeit für Risiko findet man immer 🙂

Die Abende verbringen wir gemeinsam am Lagerfeuer und kochen ein tolles Gericht nach dem anderen. An Weihnachten selbst gibt es Kartoffelgulasch, gefolgt von Neapolitanern (Manner Schnitten), die Sandra und Bernhard aus Österreich mitgebracht haben. Ich versuche mich an meinem ersten Linseneintopf mit Kartoffeln und Würstchen, und bin von meinen eigenen Kochkünsten überwältigt (ich weiß nicht ob die anderen das so bestätigen können!).

Der schicke TD4 von Bernhard und Sandra
Am Feuer lässt es sich sogar so lange aushalten, dass man Sternenfotos machen kann
Weihnachtsabendessen mit Tischdecke

Das einzige was wirklich zu kurz kommt ist die Körperhygiene. Da das „Recreation Center“ mit den 3 Dollar Duschen am 24. Dezember zu hat (als wir in der Stadt zum Einkaufen sind), kommen wir erst nach über einer Woche dazu, uns den Dreck so richtig vom Körper zu waschen, denn unsere die Solardusche macht bei 10 bis 12 Grad am Mittag keinen Spaß.

So verlassen wir erst nach einer Woche diesen tollen Standplatz. Auch Will, Jessica, Magnus, Nicholas, Bernhard und Sandra sind schon weg und eine Kaltfront schiebt sich über die Wüste. Silvester werden wir hier also nun doch nicht verbringen. Mal sehen wo es uns nun hinverschlägt.

Eines ist allerdings sicher, das nächste Weihnachten werden wir wieder in Europa verbringen.

Danke an Bernhard Ornig, der die meisten der Bilder in diesem Beitrag geschossen hat. Schau doch mal auf www.bilderreisen.infovorbei.

One comment

  1. Hi ihr Drei
    Ich mal wieder,Danke für Bericht und Fotos.
    In etwas weniger als 27 Stunden hier ist 2018 gelaufen und wir begrüßen das Neue Jahr 2019.Ihr drüben wohl etwas später 🙂
    Auf diesem Weg also, wünsche ich euch einen „Guten Rutsch“,sicheren Haken,genug Seil und ausreichend Benzin ,Öl und Luft für den Overlander,wohin es Euch in 2019 auch hinführt.
    Ich freue mich Euch im neuen Jahr wieder zu sehen (Video) und zu lesen (Blog und FB)
    Alles Gute,Liebe,Glück und Gesundheit
    Der „Siggi“

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