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Eisklettern in den Rocky Mountains – neues Lieblingshobby?

Ich sitze in einem Klassenzimmer mit lauter fremden Menschen um mich herum. Grant und Jean, unsere Guides für heute stellen sich vor und erzählen uns, dass wir zwei Optionen haben – entweder werden wir dicke Freunde oder die nächsten drei Monate werden sehr wenig Spaß machen..

Der erste Teil des Mountain Skills Semesters in Canmore, Kanada beschäftigt sich mit vereisten Wasserfällen und wie man diese sicher und mit Spaß nach oben klettert. Am ersten Tag müssen wir aber erst einige Logistikhürden überwinden.

Jede Menge Infomaterial

Wir unterschreiben diverse Haftungsverzichte, lernen das Büropersonal kennen und beschnuppern uns gegenseitig. Die Motivationen der Einzelnen sind unterschiedlich. Kayla ist 19 Jahre alt und möchte Bergführerin werden. Dana dagegen ist 37 Jahre alt und will sich sicherer in den Bergen bewegen. Douglas ist letztes Jahr die 2500 Meilen des Pacific Crest Trail gelaufen will in den Bergen arbeiten. Will möchte Skiguide werden. Im Endeffekt können wir uns in drei Erfahrungsgruppen einteilen, die Kletterer, die Skifahrer und die Wanderer (und dann ist da Dana der irgendwie überall zuhause ist).

Aber was ist eigentlich meine Motivation? Ich möchte kein Bergführer werden. Ich möchte sicher auf Fels, Eis und Schnee klettern können und ein kompetenter Kletterpartner werden, erste Hilfe leisten können aber auch die ein oder andere kleine Expedition in Zukunft planen. Ich möchte geile Touren in den Alpen klettern können. Vielleicht kann ich mit den Fähigkeiten in Deutschland Teil der lokalen, freiwilligen Bergwacht werden. 

Nachdem wir all die organisatorischen Kleinigkeiten aus dem Weg geräumt haben, bekommen wir unsere Ausrüstung für den ersten Tag am Eis. Zwei Eisgeräte, Steigeisen, einen Gurt, Sicherungsgerät, drei Karabiner mit Drehverschluss, zwei ohne, eine Bandschlinge und zwei 5 Meter lange Reepschnüre sollen unsere Basisausrüstung werden.

Gear, Gear, Gear!

Am ersten Nachmittag am Eis lernen wir, wie wir mit Steigeisen laufen, die Unterschiede zwischen French-Technique (Flat-stepping), 9-12-Technique und Frontpointing. Auf Deutsch gesagt, wann wir mit dem gesamten Fuß auftreten, wann wir die Frontzacken verwenden und wann wir beides abmischen. Die Grundregel lautet nur – kein „Edging“ – nicht mit den Seiten versuchen aufzutreten, wie man es vom Felsenklettern kennt. Auch die Eisgeräte finden ihren ersten Einsatz mit ein paar Schwüngen ins Eis. 

Stapf, stapf, stapf! Basics First!

Am nächsten Morgen treffen wir uns früh zur ersten Lagebesprechung. Wir prüfen gemeinsam mit den Guides den Wetterbericht, die Lawinenvorhersage und besprechen die heutigen Gefahren und wie wir sie umgehen. Normalerweise machen das die Guides zum Großteil alleine, aber das Ziel ist nicht uns zu guten Kunden zu machen, sondern dass wir nach dem Semester eigenständig in den Bergen unterwegs sein können oder sogar eine Guiding-Karriere anzustreben.

Das Office von Yamnuska Mountain Adventures liegt in Canmore, Alberta, Kanada

Im großen Van machen wir 12 uns mit Jean und Grant auf den Weg zu den King Creek Wasserfällen in Kananaskis. Im Gänsemarsch wandern wir 40 Minuten zu den Wasserfällen. Die einzige Regel – nicht schwitzen, damit wir an den Wasserfällen nicht frieren.

Auf dem Weg zu den King-Creek Wasserfällen

Manche von uns müssen erstmal lernen, wie man mit einem Sicherungsgerät umgeht oder wie man ein Seil ordentlich behandelt. Auch ich lerne jede Menge kleine Tricks zu Seilsystemen und Eisverhältnissen dazu. Bergführern über die Schulter zu schauen ist spannend!

Grant und Jean hängen ein paar Topropes auf und ohne jegliche Information über Technik darf ich mich an das steilste Stück machen. Unsere Bergführer sind beide verwundert, dass ich es nach oben schaffe, aber mir brennen die Arme. Nach und nach schaffen es auch Alex und Dana, mit denen ich klettere. Beide sind geübte Felskletterer. Erst nach dieser ersten Runde bekommen wir eine Einführung in saubere Eisklettertechnik. Diese Technik zu verinnerlichen soll das Ziel der ersten Tage sein. 

King Creek
Da wird’s schon gut anspruchsvoll an Tag 1

Grant ist begeistert über unseren Fortschritt am ersten Tag und hängt immer schwerere Routen auf. Endlos begeistert und mit schmerzenden Fingern stapfen wir am Abend wieder durch den Schnee zurück zum Auto. 

Zusätzlich zur reinen Klettertechnik lernen wir nach und nach immer mehr über den Standplatzbau am Eis, Abseiltechniken, wie man Eisschrauben platziert und wie man einen Abalakov-Stand baut. 

Alex sichert Dana

Einen Ruhetag für unsere Körper verbringen wir im Klassenzimmer mit Lawinentheorie. Dann wird es das erste Mal so richtig spannend. Wir packen unsere Siebensachen und fahren auf den Icefields-Parkway. Der ist allerdings zur Hälfte wegen Lawinensprengungen gesperrt, was uns zwei Tage in Folge zu den „Two-o-clock Falls“ bringt. Der Zustieg zum Wasserfall führt durch ein Mahnmal für ein Massaker zwischen verschiedenen Stämmen der Ureinwohner und als wir am zweiten Tag Blutspuren auf dem Boden finden, die darauf hinweisen, dass etwas großes hier entlanggeschleift wurde, wird manchen in der Gruppe ziemlich mulmig. Von nun an heißt der Wald für uns „Creepy Forest“. Das hält uns aber nicht auf unsere Systeme auf Vordermann zu bringen. Wir verfeinern die verschiedene Arten einen Standplatz einzurichten und bereiten uns nach und nach für die ersten Mehrseillängen vor. 

Jeden Abend das gleiche Spiel – alles muss trocken werden!
Als ich vor zwei Wochen noch hier war, hatte es -30 Grad


Am nächsten Tag, bei den Tangle Falls ist es dann für ein paar von uns soweit. Ich darf nach einigen simulierten Vorstiegen endlich richtig vorsteigen. Mit mehr als genug Eisschrauben gehe ich meine erste Vorstiegsroute an. 

Nervosität ist definitiv dabei, aber die Technik ist bekannt, ich weiß, dass jede Platzierung der Eisgeräte so richtig sitzen muss, bevor der nächste Schritt kommt. Hier kommt mir meine Klettererfahrung zu Gute. Ich finde gute Plätze um meine Muskeln zu entspannen und Sicherungen zu legen. Einzig und allein der Ausstieg ist wild. Mit jedem Schlag ins Eis sende ich sogenannte „Dinnerplates“ nach unten – große Eisbrocken, die einen ernsthaft verletzen würden. Aber Kayla sichert von einem sicheren Spot seitlich von mir. Ich bin doch etwas erleichtert, als ich nach 30 Metern am Standplatz ankomme und meine erste Vorstiegsroute sauber abschließen kann.  Die Schwierigkeit laut Guide:  WI3+ – viel Einfacher geht’s nicht.

Pat steigt früh am Morgen an den Tangle Falls vor

Die letzten Tage waren wir immer mit zwei Guides für zwölf Leute unterwegs, doch für die nächsten zwei Tage haben wir vier Guides, damit wir ein paar Mehrseillängentouren angehen können.  

Unser Guide Pat Delaney nimmt Kayla, Nick, Will und mich am Abend zur Seite und sagt uns, dass er mit uns gerne zu „Shades of Beauty“ fahren möchte und wir sollen die Route selbstständig im wechselnden Vorstieg klettern. Wir seien die stärkste Gruppe und Pat und Jean kommen mit um uns zu Coachen. Mein Empfinden schwankt zwischen Nervosität und absolutem Glücksgefühl. Genau dafür bin ich hier!

So machen wir uns am nächsten Morgen in aller Frühe auf den Weg zum Wanderparkplatz, wo wir eine erste Einweisung in unser Lawinenequipment und in die Suche von Lawinenopfern bekommen. Vierzig Minuten später stehe ich am Fuß von Shades of Beauty und darf die erste Seillänge vorsteigen.

Ich schüttele meine Arme dreimal aus, kontrolliere ob ich all mein Equipment habe klettere vorsichtig los. Ich bin hochkonzentriert, verwende aber zu viele Eisschrauben. Pat hängt über mir und hilft mir bei Abschätzung der Entfernung meiner Eisschrauben um auch zum ersten Standplatz zu kommen. Ich lache innerlich ein wenig auf, denn das ist gutes Training für Trad-Klettern. 

Am ersten Standplatz angekommen dauert alles etwas länger. Ich baue meinen Standplatz aus drei Eisschrauben und würde Kayla gerne nach oben sichern aber zuerst darf ich Pat sichern, der sich wieder eine Seillänge über uns hängt.

Kayla übernimmt die zweite Seillänge und was soll ich sagen – die hat es gehörig in sich. Auf dünnem Eis muss sie vorsichtig durch eine Ecke klettern die mir sogar im Nachstieg den Schweiß auf die Stirn treibt. 

Kayla in der zweiten Länge

Auf der anderen Seite treiben Nick und Will ihr Unwesen. Will steigt eine wirklich ordentlich erste Seillänge vor aber die zweite Seillänge die Nick vorsteigt ist steil und lang. Mit seinen 18 Jahren hat Nick allerdings NULL Angst, Sorge oder Nervosität und steigt das Ding sauber durch. Ich bin mir sicher, dass Jean über ihm mehr geschwitzt hat. 

Die dritte, letzte und längste Seillänge gehört mir. Ich brauche eine gefühlte Ewigkeit aber fühle mich super wohl. Beide Guides hängen über mir und wenn ich einen entspannten Platz finde um meine Arme auszuschütteln, tratschen und lachen wir gemeinsam. 

Ich bringe eine Sicherung in der dritten Seillänge an
Ab nach oben!

Ich darf ein wenig Mixed-Kletterei einbinden als das Eis unter mir auf einmal sehr nass wird und ich mit dem linken Fuß die Felsen nutze, mit dem rechten gespreizt im Eis. Wiedermal ist der Ausstieg aus der Route die mentale Krux. Das Eis ist sehr hart und splittert in alle Richtungen. Ich muss eine Menge Kraft aufwenden um endlich eine vernünftige Platzierung für meine Eisgeräte zu finden, um aus der Route auszusteigen. 

Mal abgesehen von einer Zwei-Seillängen-Route die ich vor über 10 Jahren am Gardasee vorgestiegen bin, war das meine erste Mehrseillängen-Kletterei in wechselnder Führung und ich find’s geil! Im Leben nicht hätte ich gedacht, dass ich das im Eis machen werde. 

Dana in seiner ersten Vorstiegsroute

Mit anspruchsvoller Mixed-Kletterei am Top-Rope und ersten Übungen zur Gletscherspaltenbergung beenden wir das Eisprogramm und fahren zurück nach Canmore. Nach einem Ruhetag geht es weiter mit dem Skitourenprogramm, das mich mental und physisch an meine Grenzen bringen wird, dazu aber mehr im nächsten Beitrag.

Yo am Mixed-Klettern
Tangle-Falls

Da das Programm uns Vollzeit bindet, konnte ich bis zum 1. Mai meine Eiskletterei nicht mehr auf den Prüfstand stellen. Eine Kaltwetterfront kombiniert mit unserer fünftägigen Programmpause bringt mich aber nun dazu eine kleine Geburtstagstour zu organisieren. 

Mit Yusuke, Yo und Rodrigo fahre ich zurück zu King Creek, wo wir unsere ersten Eiskletterversuche am Toprope gemacht haben. Der Zustieg ist um einiges anspruchsvoller. Der Bach fließt bereits ordentlich und die Schneebrücken halten nicht immer. Da es erst vor kurzem 30 Zentimeter Neuschnee gab, gibt es auch keine Spuren und wir dürfen unseren eigenen Weg finden – es fühlt sich doch ein wenig nach Abenteuer an.

Am Eis angekommen stellen wir fest, dass die Qualität des Eises noch richtig gut ist. Ich statte mich mit genügend Eisschrauben und Expressen aus und auf geht’s. Diesmal hängt kein Guide über mir und erklärt mir, was ich zu tun habe. Aber ich bin in meinem Element und fühle mich frei! So soll’s sein! Mit der Eiskletterei hat man mir einen Floh ins Ohr gesetzt. In der nächsten Saison geht’s dann in die Alpen zum Eisklettern!

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