IndienWeltreise Tagebuch

Indien, ein erster Eindruck

Die Grenze von Pakistan nach Indien macht uns keine Probleme. Wir fahren an leeren Tribünen vorbei und werden auch bald wieder zurückkehren. Hier findet nämlich die berühmte Wagah Zeremonie statt. Aber wir müssen uns erst einmal erholen, denn wir hatten ein paar strenge Tage mit Polizeieskorte, einer Nacht in der Polizeistation und einem viel zu wilden Lahore.

Wir haben es tatsächlich nun bis nach Indien geschafft, in unserem alten Calimero. Zuhause habe ich immer ein wenig gescherzt und gesagt: “Wir müssen es erstmal bis nach Indien schaffen.” Da sind wir jetzt! Um mal ein paar Zahlen los zu werden:

  • 220 Nächte unterwegs, davon 210 im Land Rover
  • 25.000 Kilometer gefahren
  • 19 Länder
  • 8200 Euro
  • 1000 Dinge gelernt
  • … und 1.000.000 kleine und große Abenteuer

In Amritsar gibt es aber ein kleines Paradies in Mrs. Bhandaris Guesthouse. Der Garten ist groß genug, dass mehrere Overlander stehen können. Wir fühlen uns so richtig wohl und lassen wieder einmal unsere Gedanken kreisen. Wie kann das nächste Reisemobil aussehen, wie viel Kinder wollen wir eigentlich haben und was machen wir beruflich nach der Reise?

Damit will ich dich aber gar nicht langweilen. Neben all diesen Gedanken, sehen wir uns auch ein bisschen die Haupt-Sehenswürdigkeiten von Amritsar an. Zusammen mit Bertha und Erik besuchen wir die Grenz-Zeremonie an der Wagah Grenze.

Tausende von Indern schieben sich in Richtung der Tribünen, mit diesem Ansturm haben wir nicht gerechnet. Jeder Zwischenraum wird verwendet, um nach vorne zu kommen. Es wird auf nichts Rücksicht genommen. Als wir endlich unsere Plätze erreichen, die für ausländische Touristen reserviert sind, können wir durchatmen.

Bei der Zeremonie, zeigen sich Pakistanis und Inder symbolisch ihre Stärke. Dabei marschieren sie wie wild auf das Grenztor zu, schlagen die Beine nach oben und zeigen ihre Fäuste der jeweiligen anderen Seite. Nicht umsonst wird diese Zeremonie oft in einem Atemzug mit dem Ministry of Silly Walks von Monthy Python verglichen.

Wir amüsieren uns prächtig und als dann schlussendlich die Tore wieder zugehen und die Zeremonie beendet ist, stürmen die Inder wie wild in Richtung der Tore. Wir beobachten das ganze aus sicherer Distanz und sind etwas geschockt von dem Andrang. Erst vor ein paar Tagen sind wir selbst durch die beiden Tore gefahren, ohne Andrang, ohne überspitzte Parade und mit leeren Rängen.  Die meisten Inder werden jedoch nie näher an Pakistan heran kommen.

In Amritsar besuchen wir auch den goldenen Tempel, der uns wirklich beeindruckt. Diese heilige Stätte der Sikhs beherbergt das heilige Buch, aus dem tagsüber Verse zitiert werden. Wir wandeln einmal um den den See und besuchen auch das innere des Tempels. Hier wird nur wenig gedrängelt und wir fühlen uns sehr wohl. Das liegt unter anderem auch daran, dass es unfassbar sauber ist. Der Boden wird vermeintlich täglich mit Milch gereinigt.

Das Highlight meiner Meinung nach ist aber unser täglicher Besuch im Dhaba, einem kleinen Imbiss nicht weit von unserem Guesthouse. Für kleines Geld können wir in der gesamten Overlander-Gemeinschaft wirklich gut essen gehen und haben jedes mal einen richtig guten Abend.

Nach 12 Tagen in Amritsar und wirklich erholt (auch von meiner Erkältung) trauen wir uns mit Calimero wieder in den indischen Verkehr. 12 Tage lang durften wir uns anhören, wie schrecklich dieser sei.

Unter anderem das und auch die Entferungen, die wir geplant haben, schrecken uns ab, zuerst nach Nepal zu fahren. Der direkte Weg über Nepal nach Darjeeling und Assam, runter nach Kerala und zurück nach Mumbai wären mehr als 8000 Kilometer. So viel möchten wir nicht fahren und beschließen daher, direkt den Weg nach Süden einzuschlagen.

Über drei Tage fahren wir nach Süden, der Verkehr ist soweit in Ordnung. Morgens kann ich damit ganz gut umgehen. Nachmittags nervt es mich aber doch gewaltig. Die Inder fahren wirklich wie die verrückten, man muss immer aufmerksam sein. Sobald wir die Highways verlassen, werden wir schlagartig sehr langsam, in jedem Dorf herrscht ein kleines Verkehrschaos. Fahrzeuge, Kühe und Menschen kommen von allen Seiten ohne auch nur einen Blick zu riskieren auf die Straße. Einige Fahrzeuge haben die Spiegel eingeklappt, dass sie nicht kaputt gefahren werden. Aber die Spiegel werden auch bei ausgeklapptem Zustand NICHT benutzt. Allerdings sind die größten Anteile der Highways ertragbar. Wir fahren um die 240 Kilometer am Tag und schlafen an kleinen Dhabas (Imbissen).

Typisches Dhaba-Essen – Thali!

Nachts müssen wir härtere Geschütze gegen Moskitos auffahren. Sie finden jede Lücke und wir müssen mit Klebeband mögliche Zwischenräume abdichten. Das müssen wir bald professioneller lösen, sonst haben wir bald kein Duct-Tape mehr.

Sobald wir anhalten bilden sich kleine Trauben ums Fahrzeug. Ausschließlich Männer starren uns aus nächster Entfernung an. Das ist sehr unangenehm. Als ich Öl kaufen gehe und nach 5 Minuten zurückkomme, stehen mehr als 20 Männer am Fahrzeug, einige davon an Claudias Fenster. Nur wenige Zentimeter vom Fenster entfernt schauen sie ins Fahrzeug und starren Claudia und Calimero an. Richtig pissig werde ich, als wir abends am Dhaba stehen und einen schon schlafen möchten. Wir hören, wie mehrere Männer ums Auto schleichen. Ich schaue aus dem Fenster und sehe, wie einer davon versucht, Callis Türen zu öffnen. Ich rufe ein lautes „Hey“ und die Antwort ist „Where do you come from?“. In dem Moment hätten mir ein paar Yoga-Übungen zur Atemkontrolle gut getan.

Auf der anderen Seite finden wir auch wirklich nette Inder, die sich einfach nur mit uns unterhalten wollen und den obligatorischen halben Meter Abstand halten.

Eigentlich war unser Ziel, nach Jaipur zu fahren. 200 Kilometer vor Jaipur realisiere ich aber, dass wir auch nur 200 Kilometer von Agra entfernt sind, wo das Taj Mahal steht. Da ich auch ein wenig Fahrzeugpflege betreiben muss, ist es egal, in welche Stadt wir fahren. Daher entscheiden wir uns über Agra nach Jaipur zu fahren und einen Blick auf das Taj zu werfen.

Unser Navi schickt uns quer über den Bazaar durch Agra und wir bleiben an mindestens einem Tuktuk auf dem Weg in die Stadt hängen. Aber solche Kontakte zählen in Indien nicht als Unfall. Mann ist das wild!

Mal wieder alles geblockt. Nichts bewegt sich mehr
Das schöne Leben der indischen Kühe.

Wir sind heilfroh, als wir an unserem geplanten Parkplatz für die Nacht ankommen. Das wirklich heruntergekommene Hilltop Hotel hat einen einzigen Vorteil und das ist die Wiese, auf der wir Campen können. Alles andere an diesem Hotel ist wirklich unterirdisch. Das Essen ist nicht empfehlenswert, die Teetassen sind vor dem ersten Schluck schon sehr dreckig, wir haben Unmengen an Moskitos und die Toilette und Dusche ist nur mit Überwindung besuchbar.

Landypflege. Mal wieder Öl nachfüllen!
Die Teetasse vor dem ersten Schluck

Nach der Lektüre vom Lonely Planet beschließen wir dem Taj Mahal nur einen entfernten Blick zu gönnen. Wir finden die Preise zu hoch und die Schlangen zu lang für den Besuch dieses Gebäudes. Da finde ich die Tuktuk-Fahrten durch die Stadt spannender. Mit einem Banana Lassi in der Hand entspannen wir auf einer Dachterasse und genießen den Blick auf dieses großartige Bauwerk.

Das Rote Fort in Agra
Selfie-Time!
Ziemlich beeindruckend dieses Taj Mahal!

Nach diesem kleinen Blick auf das Taj gehen wir auf unsere eigentliche Agra-Mission. Wir brauchen unbedingt Klettverschluss für unseren Mückenschutz. Wir sind mittlerweile gut im verhandeln um die Tuktukpreise und finden nach längerer Sucherei Nähmaterial und auch Klettverschluss.

Vier Mädels auf einem Roller? Da geht noch mehr!

Von Agra schlagen wir endlich unseren Weg in Richtung Jaipur ein. Die Autobahn ist wirklich gut, allerdings steht unsere Ankunft unter keinem guten Stern. Am ersten vermeintlichen Stellplatz an einem Golfplatz werden wir abgewiesen. Camping ist nicht mehr erlaubt. Wir fahren zurück zu einem Hotel, das wir gesehen haben. Irgendwie landen wir dabei ausversehen im schicksten Hotel was vermutlich ganz Indien zu bieten hat. Während wir davon träumen in der Lobby schlafen zu dürfen, erklärt uns der Deputy Manager, dass Campen aus Sicherheitsgründen verboten ist. Ich glaube er meint damit nicht unsere Sicherheit sondern die Sicherheit seiner Gäste. Wir fragen, was denn ein Zimmer kostet und er antwortet, dass diese bei 50.000 Rupees pro Nacht starten.

Indien Hotel
Da wären wir am liebsten gestanden!

Das sind 665 Euro. Kein Wunder, hier sind auch schon Mick Jagger und Mitglieder der Kennedy Familie abgestiegen. Wir schlagen uns wieder durch den wilden Stadtverkehr zu einem zweiten möglichen Stellplatz bei „Western Motorsports“. Diese Location finden wir aber erst gar nicht. Leicht angesäuert fahren wir zu einer letzten Möglichkeit, dem Doodlerack Hostel.

Hier werden wir endlich fündig. Der Land Rover passt gerade so in die Parklücke, so dass wir das Dach aufbekommen. Hier werden wir nun ein paar Tage sein und die Stadt erkunden.

Knappe Sache

Nach 18 Tagen in Indien ziehen wir unser erstes Zwischenfazit:

  • Der Verkehr, gerade in den Dörfern und Städten ist irre! Sie wollen dich wirklich umbringen, aber wir haben uns daran gewöhnt. Ich glaube, wären wir direkt aus Deutschland eingeflogen, würden wir uns nicht trauen zu fahren. Allerdings haben wir schon so einiges erlebt. Verrückte Georgier, Kirgisen und Pakistanis haben uns auf diese Mammutaufgabe vorbereitet.
  • Das Land erstickt im Dreck. Wir haben bisher nur umgekippte Seen entdeckt. So dreckig war bisher kein Land. Das ist sehr schade.
  • Der Großteil der Inder, die wir bisher getroffen haben, starren uns an ohne ein Wort zu sagen. Das ist unheimlich! Wir finden aber auch wirklich aufgeschlossene und freundliche Inder!
  • Moskitos! So schlimm hatten wir sie bisher noch nirgendwo.
  • Das Bier ist zu teuer!
  • Neben den wirklich schönen Sehenswürdigkeiten gefällt uns das Essen am allerbesten.
  • Hygiene ist wirklich ein Problem in Indien, auch in den Dhabas und Restaurants.
  • Unsere Magen-Darm-Trakte machen das aber bisher echt gut mit!
  • Der Lärm macht uns zu schaffen. Überall wird gehupt, gepfiffen, getrommelt, geknallt und gerufen … 24/7!
  • So richtig begeistert uns Indien noch nicht. Die Anstrengungen der Durchreise und die Probleme mit Hygiene und Dreck nehmen uns etwas die Begeisterung. Kirgisistan und die Türkei haben uns beispielsweise von Beginn an stärker fasziniert.
  • Die Tier-und Pflanzenwelt in Indien wird aber wieder interessanter. Kamele, Affen, Elefanten, Streifenhörnchen, Wasserbüffel, Papageien, Kakteen und vieles mehr können wir hier entdecken. Wir freuen uns schon sehr auf die Nationalparks, in der Hoffnung einen Blick auf einen der letzten Tiger im Land werfen zu können.

Davon lassen wir uns aber nicht abschrecken, denn Indien ist groß! Die Besichtigung von Jaipur, Goa, Kerala, Udaipur, den Nationalparks und noch vieles mehr stehen auf dem Programm, bevor wir schlussendlich nach Mumbai zum verschiffen fahren.

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3 comments

  1. Sehr spannende Berichte!
    Ich folge sehr gerne Eurem Blog und staune immer wie tapfer Ihr das alles durchzieht; ich würde mich nicht soviel trauen wie Ihr…
    Danke, dass Ihr Eure Erlebnisse mit uns teilt und liebe Grüße
    Beate

  2. Hallo,
    schön, wieder von Euch zu hören. Indien ist ein Drecksloch, aber ein hoch interessantes 😉 Man liebt es, oder man hasst es abgrundtief. Wenn Ihr Indien “überlebt”, kann Euch der Rest der Welt nichts mehr anhaben.
    Kopf hoch….und durch !
    Grüße
    Heinz

    1. Mittlerweile bin ich da voll bei dir. Wir haben es bisher mehr gehasst als geliebt, freunden uns aber gerade mit Goas Stränden an 😉

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