IranWeltreise Tagebuch

„Welcome“ – im Land der überschwänglichen Gastfreundschaft

Von der Grenze in Nurduz tuckern wir gemütlich zuerst an der Iranisch-Armenischen Grenze und dann an der Iranisch-Azerbaidjanischen Grenze entlang. Der Grenzfluss und die Schlucht sind ein Augenschmaus. Wir dürfen nur leider keine Fotos vom Grenzbereich machen. In Jolfa werden wir das erste mal Millionär auf unserer Reise indem wir 133 US-Dollar in über 4 Millionen Rial wechseln.

Im Iran zahlt man zwar mit Rial, allerdings wird alles in Toman angegeben (10 Toman = 1 Rial), damit man sich eine Null sparen kann. Wir erleben meistens sogar, dass zum Beispiel nur 10 Toman verlangt werden. Eigentlich meinen die Iraner damit 10.000 Toman, was wiederum 100.000 Rial entspricht. Langweilig wird das umrechnen dadurch nicht.

Wir nutzen unseren neuen Millionärsstatus und gehen für satte 14 Euro volltanken (90 Liter). Mit einem riesigen Grinsen auf dem Gesicht fahren wir weiter, in Richtung Tabris.

Auf dem halben Weg fahren wir unsere erste iranische Piste mitten ins Nirgendwo um dort gemütlich Mittag zu essen. In der Öffentlichkeit ist derzeit essen UND trinken verboten, denn es ist Ramadan, der heilige Fastenmonat der Muslime. Wir halten uns strikt daran, trinken nur wenn uns keiner sieht und essen heimlich im Fahrzeug.

Nach unserem Mittagsschmaus fahren wir weiter bis nach Tabriz. In der iOverlander App haben wir einen Stellplatz gefunden, der sich „Free Camping“ nennt. Sowas finden wir immer gut.

Je näher wir der Stadt kommen, desto dichter wird der Verkehr. Hier herrscht eine ganz eigene Ordnung, die wir so bisher nicht kennengelernt haben. Es wird geschnitten, gehupt, nicht geblinkt, deutlich mehr Spuren genutzt als vorhanden sind, aber dennoch sehen die Fahrer total relaxed aus. Ich nicht!

Der Verkehr von Tabriz

Seit neuestem scheint es wohl die Regel zu geben, dass derjenige IM Kreisverkehr Vorrang hat, das war bisher nicht so. Keiner weiß genau was zu tun ist, daher fährt immer der mutigere zuerst.

Positiv ist jedoch, dass in jedem dritten Fahrzeug Iraner sitzen, die uns freudig zuwinken und uns zu hupen. Auch das hatten wir so bisher nicht erlebt. Einige rufen uns zu: „WELCOME MR.“ oder „WELCOME TO IRAN“.

In Tabriz angekommen, müssen wir tatsächlich nur 2 Passkopien abgeben und dürfen nun kostenlos campen. Einige iranische Familien nutzen dies auch. Allerdings campt die iranische Familie im kleinen Igluzelt.

Wir haben nur kurz unsere Ruhe, schon erscheint die erste iranische Familie, die uns fragt, wie wir den Iran so finden. Da sie mit unserer Antwort zufrieden zu sein scheinen, laden sie uns direkt zum essen ein. Wir sollen gleich kommen, das Essen ist schon gekocht.

Unsere erste iranische Einladung. Gastfreundschaft pur. Claudia trägt ihre Tunika und ihr Kopftuch.
Die Kinder sind mir noch etwas skeptisch gegenüber. Claudia gewinnt ihre Herzen schneller.

Moment, denke ich. Wir haben doch Ramadan. Dann sehe ich die anderen Familien im Park picknicken und wundere mich noch mehr. Während unserem Stadtrundgang werden wir auch zum Wasser trinken eingeladen und erfahren dann, dass essen und trinken in der Öffentlichkeit verboten ist, ein Park aber keine Öffentlichkeit ist. Außerdem hält sich wohl eh keiner daran, sagt uns ein junger Iraner, der es als Pflicht sieht, uns durch die komplette Stadt zu begleiten. Bei der Hitze einen ganzen Tag lang nichts zu trinken, macht nämlich keinen Spaß, meint er.

In zwei Tagen in Tabriz, bin ich keine Minute alleine. Claudia bekommt hin und wieder ihre kurze Pause vor den vielen Besuchen am Auto. Die Krönung ist ein Herr, der kein Wort Englisch spricht und mühsam seine Worte per virtueller Tastatur auf meinem Laptop in Farsi eingibt, damit ich verstehe was er meint. Nach den ersten paar Gesprächsfetzen, lädt er mich ein, in sein Auto zu steigen. Er gibt mir zu verstehen, dass wir nicht lange weg sind, also steige ich ein. Claudia bleibt zurück. Erst nach einer zwanzig Minütigen Fahrt durch die Stadt verstehe ich, dass er Internet braucht, das er bei der Bank auflädt und dann ein Eis für uns alle kauft. Warum ich dafür mit musste, weiß ich nicht, aber den Fahrstil IM iranischen Auto mitzumachen, macht noch mehr Angst.

Der nette Iraner möchte gerne die nächsten paar Tage mit uns verbringen. Wir lehnen freundlich dankend aber bestimmt ab, denn wir möchten am nächsten Tag bereits raus aus der Stadt. Es endet darin, dass wir gemeinsam eine Menge Hühnchenfleisch grillen. Die Runde wird immer größer, auch niederländische Overlander gesellen sich dazu. Es ist ein toller Abend, der Claudias Laune wieder deutlich hebt.

Hühnchen am Spieß!
Wir sitzen jeden Abend sehr lange mit den Locals.

Für Claudia war der Tag in Tabriz nämlich sehr anstrengend. Sie kämpft mit der Hitze. Die lange Hose, Tunika und Kopftuch gepaart mit dem Ramadan ist kein Zuckerschlecken. Wir dürfen nicht in der Öffentlichkeit trinken und sind einige Kilometer durch die Stadt gelaufen. Zudem wird auch Claudia von der weiblichen Bevölkerung nahezu belagert. Dann ist auch noch das Wasser in der Frauen Dusche kalt, in der Männerdusche dagegen warm. Einfach hat sie es nicht.

Es gibt belebtere Ecken im großen Bazar von Tabriz …
… und es gibt eher ruhigere Ecken.
Die Stadt der Teppiche. Im Rathaus finden wir eine Teppichausstellung. So große Teppiche haben wir noch nie gesehen!

Schon am nächsten Morgen warten die Iraner vor dem Auto, bis wir wach werden um uns dann zu fragen, wie uns der Iran gefällt. Für uns ist das erst einmal genug Menschenkontakt und wir fliehen in die Berge. An die schiere Masse an Kontaktfreudigkeit inklusive Sprachschwierigkeiten müssen wir uns erst gewöhnen.

Es steht immer jemand am Fahrzeug.

Auf dem Weg halten wir kurz im Schatten und essen eine Kleinigkeit. Da hält auch schon ein Fahrzeug. Der Mann eilt zu Calimero und sagt uns, dass er ein viel schöneres Schattenplätzchen bei sich zu Hause hat, da hat er auch Früchte und wir können auch dort schlafen.

Wir brauchen einiges an Überredungskunst, um tatsächlich kurz unsere Ruhe zu bekommen. Das erste Argument, dass wir nach Kandovan möchten, beantwortet er damit: „I have time, I come with you and show you the town“. Als wir dann noch anmerken, dass wir danach die Piste in die Berge fahren möchten, schüttelt er nur den Kopf. „My house is beautiful“. Wir glauben ihm das und tischen ihm eine kleine Notschwindelei auf, dass wir danach noch weiterfahren müssen.

Aber alles in allem – die Menschen im Iran sind super mega freundlich. Bei jeder Geschichte, die wir über die Gastfreundschaft gelesen haben, dachten wir, dass das völlig überzogen ist.

In nur zwei Tagen im Iran wurden wir eines besseren belehrt. Wir fahren nun ein paar Tage durch die Berge und sammeln die Ausdauer für die Gastfreundschaft in der nächsten Stadt.

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2 comments

  1. Vielen Dank für Eure tollen Reiseberichte, die uns die Welt näher ringen. Euch wünschen wir allzeit gute Fahrt und nur positive Erlebnisse.

    1. Danke Lyggie & Meli. Wir versuchen stets ein wenig dieser bunten, vielfältigen, interessanten Welt nach Deutschland zu bringen. Die Welt ist nämlich viel besser als wir denken.

      Cheers aus dem Iran,

      Claudia & Bernd

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