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Klettern in Fels, Eis und Schnee – die zweite Hälfte des Mountain Skills Semesters

Nach vielen Wochen, meistens in Zelten, in Eis und Schnee beginnt die wärmere Hälfte des Mountain Skills Semesters mit einem ordentlichen Erste-Hilfe-Kurs. 

Zehn Tage widmen wir uns der Patientenversorgung in abgelegenen Gebieten. Wie können wir einem Patienten nicht nur initial das Leben retten, wie können wir einen Patienten auch so lange am Leben erhalten, bis Rettung vielleicht erst in einigen Tagen kommt. 

All das lernen wir in Theorie und Praxis, immer mit dem Fokus auf mögliche Verletzungen in den Bergen. Skiunfälle, Kletterunfälle, Lawinenunglücke und ähnliches nehmen wir als Szenarios durch, aber auch erstickende Babies, gebrochene Oberschenkel und mögliche Probleme bei schwangeren Frauen.

Wenn man die Mädels an die Patienten lässt, sieht das danach so aus!
Rodrigo hat einfach mal sein Englisch verlernt um das Szenario noch spannender zu machen

Am wichtigsten für uns ist allerdings das klare System, die Kontrolle nach Lebensbedrohlichen Verletzungen, das Warmhalten und dann erst die Detailkontrolle sowie die langfristige Überwachung des Patienten, was wir immer und immer wieder durchexerzieren.

Zurück ins Auto?!

Ich hatte ursprünglich geplant zum Start der zweiten Semesterhälfte zurück ins Auto zu ziehen. Doch schon kurz vor der letzten Skitour schreibt mich Christa aus Deutschland an. Sie verbringen die Sommer in Kanada und haben daher in Canmore ein Haus. Sie sind noch in Deutschland, aber ich kann gerne in das Haus ziehen, ganz gemäß dem Motto: „Von Reisenden für Reisende.“ 

Dieses Angebot kann ich natürlich nicht ausschlagen und so darf ich die Zeiten zwischen unseren Campingtrips mit dem Semester in einem richtigen Haus verbringen. Unendlich dankbar kann ich mich im Gästezimmer breitmachen, kann Wäsche waschen, meine Sachen nach einer Tour ordentlich trocknen – einfach ein Traum! Hier noch einmal ein DICKES Dankeschön an Christa und Stefan für ihre Großzügigkeit und der Offenheit einem fremden Menschen ihr Haus zur Verfügung zu stellen.

Ab an die Felsen von Skaha

Die Felsklettersaison eröffnen wir in den Skaha Bluffs bei Penticton in British Columbia, sieben Stunden Fahrt von Canmore entfernt. Dort werden wir in Fels-Rettungsmaßnahmen eingeführt, aber auch in traditionelles Klettern und Mehrseillängenklettern. Jeden Morgen sind wir bereits um 7 Uhr am Felsen und hören auch erst um 9 Uhr abends mit unseren Übungen auf. 

Ich habe diesmal sogar Calimero dabei, und genieße die alleinigen Nächte in Calimero – so viel besser als zu dritt im Zelt, wie in den bisherigen Trips.

Ich merke, dass ich im Sportklettern fitter geworden bin und ohne Probleme im unteren Siebten Grad klettern kann. Auch das traditionelle Klettern geht mir ganz gut von der Hand. Allerdings muss ich Rissklettertechniken üben und ein besseres Auge für die schnellere Platzierung von Absicherungen bekommen. 

Vollgepumpt mit Informationen geht es zurück nach Canmore, wo wir an einem Trad-Mehrseillängen-Tag alles zusammenbringen.  Mit Nick kann ich 8 Seillängen im 5. Grad klettern und wir merken, dass die mobilen Absicherungen hier gar nicht so einfach sind. Große Felsblöcke sind nicht zwingend fest mit dem restlichen Berg vereint und so muss man schon genau darauf achten, keine lockeren Felsen zur Absicherung zu nutzen. Mit längeren Kletterpassagen zwischen den Absicherungen wirkt das alles noch einmal viel realer, macht aber Spaß, da wir in einfachem Gelände unterwegs sind und uns damit voll auf unsere Systeme und die Routenfindung konzentrieren können.

Glücklich im Fels

Ohne Pause widmen wir uns an den folgenden Tagen den Techniken des Gehens und Sicherns am kurzen Seil, das vor allem von Bergführern eingesetzt wird, aber speziell bei kurzen Kletterstellen in einfachem Gelände wirklich hilfreich sein kann. Nach ein paar Übungen am Rundle Rock am ersten Tag erklettern wir am Folgetag den Nordgrat von Mount Baldy bei Regen und Schnee – jeden Tag ein Abenteuer!

Alpines Klettern in Fels, Eis und Schnee

Endlich geht es für uns ins alpine Gelände. Rund um Mount Athabasca bringen uns Larry und Mike bei, wie wir uns in steilem Eis und Schnee aber auch auf Gletschern sicher bewegen. Mein absolutes Highlight ist wiedermal das Eisklettern in alpinem Eis. Mit nur zwei Eisschrauben pro 60 Meter Seillänge erfahren wir schnell, wie wichtig die Effizienz in den Bergen ist und wo man Abstriche machen kann. 

Im Eis
Auf dem Athabasca Nordgletscher

Leider sind die Schneebedingungen katastrophal und bis auf Boundary Peak, den wir erst von Süden und dann über den Westgrat besteigen, erreichen wir keine weiteren Gipfel.

Unterwegs auf den Graten der Region
Blick vom Boundary Peak Gipfel auf Athabasca und Silverhorn
Ein Selfie muss ja auch mal sein, oder?

Jeden Tag dürfen wir die letzten paar hundert Höhenmeter in Schneematsch absteigen und stecken oftmals bis zum Schritt im Schnee fest. 

Als wir den Versuch starten A2 neben Mount Athabasca zu besteigen, drehen wir nach 120 Metern im Eis wieder um, denn die Gletscherbegehung wäre zu gefährlich bei diesen Schneematschbedingungen. Wiedermal hat es über Nacht keine Minusgrade gehabt und sogar am Morgen geregnet. Wir hatten gehofft, dass es weiter oben kalt genug sein würde, aber das hat sich nicht bestätigt.

Am Abklettern vom Athabasca Nordgletscher

Also klettern Rodrigo und ich die 120 Meter wieder ab. Rodrigo geht vor und ich halte ihn eng am Seil, während er immer weiter absteigt. Auf dem Weg nach unten muss er eine Gletscherspalte überqueren und unterschätzt die Breite. Die Schneebrücke bricht und er fällt mit dem Hintern in die Spalte. Nachdem ich mich versichere ob auch alles in Ordnung ist, setzt er auf der anderen Seite eine Eisschraube, damit ich mich auch ein wenig absichern kann, denn ich habe als zweiter Kletterer im Abstieg nicht den Vorteil eines Topropes. 

Mir macht der Abstieg im steilen Eis aber richtig Spaß und ich freue mich schon jetzt, diese Techniken zuhause in den Alpen einzusetzen!

Joel vor mir am ersten Tag – da waren die Bedingungen noch am Besten

Expedition in den Ghost!

Da die Schneebedingungen weiterhin miserabel sind, entscheiden wir uns für den finalen Trip des Semesters für die Ghost Wilderness Area. Als östliche Ausläufer der Rocky Mountains liegt hier kaum mehr Schnee und es gibt einige interessante Gipfel, die wir besteigen können.

Das Gebiet ist im Winter berühmt für seine Eisklettereien und die Geschichten, wie Jeeps im Fluss versenkt werden, wenn mal wieder eine Eisbrücke bricht.

Da es auch Sportklettermöglichkeiten gibt, entscheidet sich die Mehrheit dafür, auch Sportkletterequipment mitzunehmen. Ich bin da kein Freund von, denn nun haben wir Sportkletterausrüstung (Kletterschuhe, Expressen) und alpine Kletterausrüstung (Steigeisen, Pickel, mobile Absicherungen, Pitons und Hammer). Die Rucksäcke sind dementsprechend übervoll und schwer.

Unsere Guides erklären uns gleich, dass wir mit ihnen aber keine Mehrseillängen machen können, dafür sind nicht genug Guides dabei und wir können auch nicht ohne Guides losziehen, da wir immer noch unter ihrer Verantwortung sind. Ich mache mir erst keine Gedanken, bis ich endlich die Klippen von Phantom Crag sehe und sehe was hier an Mehrseillängenkletterei erst möglich ist. Nun darf ich für fünf Tage die besten Klettereien der Region ansehen ohne sie klettern zu dürfen.

Holy Smokes – da gibt’s n paar Wände!

Nach einem anstrengenden Marsch mit mehreren Flussdurchquerungen durch den fies-kalten Ghost River errichten wir unser Basecamp direkt unterhalb der Zugangsschlucht für die Besteigung von Phantom Crag. Noch am Abend erkunden wir die ersten paar Kilometer und Höhenmeter. 

Unser Bear-Hang in der Nähe des Basecamps

Die Hauptzugangsroute durch den Canyon können wir nicht nutzen, da der Bach zu hoch ist und so müssen wir einen Weg durch den steilen, feuchten Wald finden. Gut, dass wir heute noch einmal losgezogen sind!

Am nächsten Morgen schlagen wir uns durch die bereits ausgekundschaftete Gegend und wandern querfeldein in Richtung Nordgrat, dem wir eine Weile folgen können. Von dort queren wir durch ein paar steile Schneefelder zum Gipfelblock, den wir nun vom Westen angehen. Ein paar Kletterstellen im dritten bis vierten Grad sichern wir ordentlich ab und stehen bald schon auf dem Gipfel von Phantom Crag, wo wir wetterbedingt nur wenig Zeit verbringen.

Die erste kurze Kletterei stellt sich als die Krux heraus. Kayla hier am abseilen
Auf dem Gipfelblock
Aussicht von Phantom Crag

Am folgenden Tag habe ich die Auswahl zwischen Sportklettern oder der „Besteigung“ auf Wanderwegen von Black Rock Mountain. Für beides brauche ich eigentlich keinen Guide und entscheide mich daher für den Berg – immerhin ist dann ein Gipfel involviert und hoffentlich auch ein paar schöne Aussichten.

Eine alte Hütte, um Feuer zu überwachen
Devils Head links mit einer irren Wand darunter. Rechts dann der Start der Prärie

Die Schlüsselstelle ist nun jedoch der Fluss. Mit viel Regen in der Nacht, ist dieser auf ein beachtliches Maß angeschwollen und wir müssen uns durch mehrere Arme des Flusses kämpfen, um überhaupt mit der Wanderung zu beginnen. Nach einem kurzen, graupeligen Besuch auf dem Gipfel dürfen wir uns auch auf dem Rückweg wieder mit Fluss anfreunden, der noch tiefer und noch reißender geworden ist.

Flussdurchqerungen ohne Calli machen mir mal keinen Spaß!

Mit Regenhosen bewaffnet bleibt die Kälte wenigstens ein bisschen zurück und es ist halbwegs aushaltbar. So wie der Fluss nun aussieht, können wir die Besteigung von Devil‘s Head am nächsten Tag getrost verwerfen. Der Fluss ist an dieser Stelle deutlich schmaler und tiefer und damit für uns nicht passierbar.

Wir beschließen also am nächsten unser Basecamp wieder zu räumen und zurück zum Van zu marschieren. Von dort gehen einige von noch einmal zurück durch den Fluss, um ein paar Sportkletterrouten auszuprobieren, während die meisten jedoch einfach im Camp herumhängen.

Phantom Crag links – Devils Head rechts im Hintergrund

Da Devil’s Head, unser größtes Ziel, leider nicht machbar war – beschließen wir am letzten Morgen sehr früh loszufahren und erklettern diesmal den Westgrat von Mount Baldy, den wir beim letzten Mal wegen Schnee nicht gemacht haben (dafür den einfacheren Nordgrat).

Als würdiges Ende des Semesters bei bestem Wetter klettere ich mit Nick in einer Zweierseilschaft und wir fühlen uns gut, effizient und erklimmen den Gipfel in einer wirklich guten Zeit, bevor wir durch ein Geröllfeld zwischen Südgipfel und Westgipfel wieder absteigen.

Nick und ich müssen auf die anderen warten
Der Westgrat und im Hintergrund K-Country
Geklettert wird in Boots diesmal!
Immer schön die Schlüsselstellen absichern.

Fazit

Das war’s also. Drei Monate haben wir zwölf uns gemeinsam in Fels, Eis und Schnee durch die kanadischen Rocky Mountains bewegt. Wir sind Freunde geworden und haben jeden Lagerkoller irgendwie überstanden. Wir haben gelernt wie wir möglichst sichere Entscheidungen treffen, wie wir Risiken erkennen und mindern können, aber auch wie wir uns im Ernstfall verhalten sollen. Lawinenbergung, Felsrettung, Gletscherspaltenbergung und Erste Hilfe im Notfall machen uns meiner unbedeutenden Meinung nach zu guten Kletterpartnern. 

Fast die ganze verrückte Gruppe, nur Joel und Kayla fehlen auf diesem Foto!

Allerdings muss all das Wissen nun Anwendung finden – wir müssen Strecke machen, unsere Systeme perfektionieren und vor allem jede Menge Erfahrung sammeln und dabei nicht vergessen, immer wieder die Grundlagen zu üben. Denn wer nicht übt, der vergisst. Außerdem sind die Ziele natürlich abhängig vom technischen Können, aber das ist nun ebenfalls eine Mischung aus Zeit, Erfahrung, entschlossenem Training und entschlossener Ernährung (wie ich dieses Ernährungsthema hasse!).

All die Mühen und Kosten für dieses Semester haben sich durchaus gelohnt. Zuhause hätte ich all das niemals in dieser kurzen Zeit gelernt und ich freue mich jetzt auf viele tolle lange Tage draußen am Berg und vor allem die Eiskletterei im Winter! Das mit dem Skifahren muss ich noch ein bisschen auffrischen, aber dann werden die Skitouren in den Alpen bestimmt auch toll.

Vor allem aber freue ich mich auf schöne Zeiten mit tollen Kletterpartnern in den Alpen!

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