KanadaLabradorWeltreise Tagebuch

Bärige Überraschungen und Labradors Weite

Claudia und ich sind seit den Hochebenen der Türkei regelrechte Fans der gefühlten, endlosen Weite. Labrador in Kanada bietet uns genau das! Auf einer Fläche fast so groß wie Italien leben hier nur rund 27.200 Menschen. Dass die Natur hier überwiegt, ist selbstverständlich. Wir nehmen uns vor, den 1246 Kilometer langen Trans-Labrador-Highway zu fahren und erleben tierische Überraschungen auf dem ersten Abschnitt nach Happy Valley-Goose Bay

Von Neufundland setzen wir mit der Fähre aufs Festland über und werden begrüßt, wie es der Reiseführer schon angedeutet hat. Wind, Nebel und etwas Regen. Eigentlich sind wir aber gar nicht in Labrador angekommen, sondern in Blanc-Sablon in Quebec. Also müssen wir noch ein paar Kilometer fahren, bis wir die Grenze nach Labrador erreichen.  Das ist auch nicht zu übersehen.

Die Fähre zurück aufs Festland
Kaum zu übersehen ist das “Welcome to the Big Land” Schild

Wir organisieren uns in L’Anse-au-Clair ein kostenfreies Satelliten-Telefon für die einsamen Streckenabschnitte des Trans-Labrador-Highways und besichtigen eine 7500 Jahre alte Grabstätte in L’Anse-Amour.

Mit 7500 Jahren das wohl älteste, entdeckte Grab in Nordamerika.
Volltanken! Hier sagt man drinnen, den Preis der draußen dran steht. Vertrauen pur!

Da wir in Neufundland beschlossen haben, in den nächsten Tagen und vielleicht auch Wochen etwas aktiver zu sein, fahren wir noch ein wenig weiter und beenden den Tag kurz vor Red Bay. Die Straßenverhältnisse sind katastrophal. Wir sehen die tiefen und großen Schlaglöcher kaum, da sie voll mit Regenwasser sind.

Red Bay erkunden wir am Folgetag, denn die Sonne scheint wieder. Hier haben baskische Walfänger eine große Walfangbasis gehabt und davon wird eindrücklich im kleinen Museum berichtet. Die Rundtour über Saddle Island ist ein schöner Spaziergang, enttäuscht aber etwas. Wir haben deutliche Ausgrabungsergebnisse erwartet, finden aber kaum die genannten Öfen und Rückstände der Gebäude im Gras. Erst beim letzten Ofen sehen wir drei Einbuchtungen. Ein paar Kanadier sind ohne die Infobroschüre nach Saddle Island und schwupps werde ich zum Guide ernannt und kann wertvolle Informationen zur Interpretation des Geländes geben.

Red Bay
Ein Strand auf Saddle Island
Die drei Mulden im Boden deuten auf den alten Ofen hin
Möwen nisten zur Zeit auf Saddle Island

Am spannendsten ist für mich das Wrack eines Frachtschiffs, das wohl in den 50er oder 60er Jahren direkt vor Saddle Island auf Grund gegangen ist und bis heute nicht geborgen wurde.

Das interesannte Schiffswrack. Das ALTE Schiffswrack der San Juan haben wir nicht entdeckt, denn das liegt unter Wasser!

Ab Red Bay ändern sich die Entfernungen deutlich. 78 Kilometer sind es bis zum nächsten Dorf namens Lodge Bay. Kurz darauf folgt Mary’s Harbour. Dann kommt wieder 50 Kilometer nichts. In Port Hope Simpson kann man noch einmal auftanken und fährt dann über 410 Kilometer durch die Wälder von Labrador, bis man auf Happy Valley-Goose Bay trifft.

Die Landschaft ist wunderschön! Schneereste sind noch überall zu finden.
Die Entfernungen werden größer

 

Man hat uns schon vieles über den Trans-Labrador-Highway gesagt. Unser Auto sei perfekt für diese Straße, wir werden teilweise mehrere Tage keine Personen oder Fahrzeuge sehen.

Wir haben schon viele, einsame Gegenden kennengelernt auf unserer Reise und auch diesmal ist die Einsamkeit nicht zu 100% gegeben. Immer wieder kommen uns Fahrzeuge entgegen, sogar eine ganze Ladung von riesigen Kippern kreuzt unseren Weg. Immer wieder finden wir Highway-Wartungsstationen und Teams, die den Weg reparieren oder glätten.

Die Strecke lässt sich wirklich entspannt fahren. Ab Marys Harbour folgen ungefähr 300 Kilometer Piste, die aber so gut präpariert ist, dass wir kaum Schlaglöcher vorfinden. Immer wieder mal ist es ein wenig holpriger, aber kein Vergleich zum Pamir Highway oder den Straßen in Kirgisien.

Immerhin gut ausgeschildert!
Der Gegenverkehr auf der Piste ist sehr beeindruckend!
Labradors Weite – Staubig, aber entspannt zu fahren!

Wir fahren am selben Tag noch viele Kilometer durch Labradors Weite und stoppen an einer kleinen Haltebucht für die Nacht. Wir wissen von den vielen Schwarzbären in Labrador und stellen uns für den nächsten Morgen den Wecker auf 05:30 Uhr. Ob Schwarzbären Frühaufsteher sind, wissen wir aber nicht. Wir möchten trotzdem sehr früh los, um vielleicht bei Sonnenaufgang einen Bären zu treffen.

Als ich um 03:30 kurz aufwache, stelle ich fest, dass es schon wieder hell ist. Der Sonnenaufgang kommt sicherlich früher und ich frage Claudia, ob sie auch schon früher losfahren möchte. Blöde Frage! Ich kriege sie ja nicht einmal um 08:00 mit guter Laune aus dem Bett … mitten in der Nacht ist das nicht besser. Ich mache kein Auge mehr zu und bekomme sie schlussendlich um kurz vor fünf Uhr aus dem Bett.

Morgenstund hat Gold im Mund. Selten habe ich Calimero schon um 05:00 fotografiert!

Wir düsen los und erreichen kurze Zeit später eine historische Marke an unserem Land Rover. Mitten in Labradors Weite, hunderte Kilometer entfernt vom nächsten Dorf, knackt Calimero um 05:19 in der Früh die 333.333 Kilometer-Marke. Großartig! Das wird natürlich ordentlich dokumentiert bevor es weitergeht.

Auf dem Tacho sieht man die 333.333 Kilometer. Geile Location dafür!

Wir halten Ausschau nach Bären, finden aber lange keine Spur von ihnen. Schauen wir falsch? Haben wir uns so auf den Bären fokussiert, dass wir die Schönheit der Umgebung nicht genug wertschätzen? Es ist nämlich tatsächlich wunderschön hier. Nicht sehr abwechslungsreich, aber wunderschön. Die Wälder sind unendlich groß. Nur Moore, Flüsse, Seen und diese eine Straße liegen zwischen der schier unendlichen Anzahl der Nadelbäume.

Plötzlich ruft Claudia:“Bär!“  Ich stehe auf die Bremse und wir kommen zum Stehen. Knappe 100 Meter von uns steht ein Schwarzbär am Straßenrand und schaut sich um. Claudia schaut durchs Fernglas und meint, er sei riesig. Ich schnappe mir derweil das Tele und versuche Bilder zu machen. Wie oft bekommt man schon einen Bären zu Gesicht. Ich erwarte, dass der Bär die Straße überquert und dann im Wald verschwindet, aber Pustekuchen. Meister Petz macht sich auf dem Weg zum Auto. Als er mir etwas zu nahe erscheint, schließe ich das Fenster und wir warten ab.

Ein Schwarzbär auf dem Weg zu Calimero

Tatsächlich trottet der Bär direkt neben die Fahrertür und legt sich dann in die staubige Piste. Wir kommen aus dem Lachen kaum mehr heraus. Als würde er wissen, dass wir ihn gerne fotografieren, posiert er perfekt vor dem Auto. Vor dem Auto wirkt er auch gar nicht mehr so riesig. Mir wird klar, warum die Menschen den Respekt vor diesem Wildtier verlieren um ein gutes Foto zu machen. Er sieht so aus, als könnte er keiner Menschenseele etwas antun und vermutlich wird er das auch nie tun. Dennoch ist und bleibt es ein Wildtier, das mit dem notwendigen Respekt betrachtet werden muss.

Er kommt immer näher – ich kann das Tele weglegen.
Da gähnt sogar der Schwarzbär … so langweilig sind die Menschen!

Wir vermuten, dass der Bär auf Futter aus ist, was wir ihm natürlich nicht geben. Als er auf meiner Seite erfolglos ist, trottet er langsam in Richtung Beifahrerseite. Immer wieder legt er sich hin, schließt die Augen und entspannt ein wenig.

Wenn er aufsteht, sieht er doch etwas mächtiger aus!
Immer wieder legt er sich aber hin und entspannt sich

Da sich das Bärchen gar nicht von uns trennen will, beschließen wir die Weiterfahrt und werden kaum eine Stunde später schon wieder überrascht. Diesmal fahren wir an dem Bären vorbei und Claudia erkennt nur den Kopf, wie er aus dem Gebüsch auf uns herabsieht. Wir drehen um und halten erneut in einiger Distanz. Diesmal ist der Bär etwas schüchterner, überquert zweimal die Straße und macht sich dann wieder auf den Weg ins Gebüsch.

Stiller Beobachter
Vor dem Auto wird die Straße gekreuzt. Man sieht hier nochmal schön, wie gut die Piste ist
Dieser Bär hält ein paar Meter mehr Abstand – ist uns recht!

100 Kilometer vor Happy Valley-Goose Bay endet die Piste und es folgt einwandfreier Asphalt, dem wir folgen. Am Tagesende in Happy Valley-Goose Bay können wir vier Bären-Sichtungen verzeichnen, von denen wir zwei sehr schön dokumentieren konnten. Ein weiterer Bär hat sich schnell im Wald versteckt und den Bären auf der Müllkippe von Goose Bay haben wir dann auch nicht fotografiert.

Perfekter Asphalt und Labradors Weite

Wir schließen uns damit allen anderen Reisenden an, die uns von ihren Bären-Sichtungen in Labrador erzählt haben. Alleine dafür schon lohnt sich der Weg über den Trans-Labrador-Highway. Allerdings bieten schon die schieren Strecken und die endlose Weite zwischen den Dörfern pure Abenteuer-Romantik (auch wenn es gar nicht so abenteuerlich ist, diesem Weg zu folgen).  Labrador wird uns noch mehrere Male überraschen, aber das könnt ihr bald im nächsten Beitrag des Weltreisetagebuchs lesen.

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