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Lawinenkunde im Detail auf den Wapta Icefields

Das Mountain Skills Semester in Kanada ist in vollem Gange und nach vier Skitouring-Tagen und einem Ruhetag verschlägt es unsere Gruppe von 12 Bergenthusiasten für unseren erweiterten Lawinenkurs für fünf Tage mit vollem Gepäck auf die Wapta Icefields.

Mit vollem Gepäck geht’s los

Wir campen wetterbedingt knapp unterhalb der Baumgrenze, 45 Minuten entfernt vom Gletscher selbst. Ursprünglich war der Plan mehrere verschiedene Camps direkt am Gletscher zu errichten. Allerdings sind mehrere Stürme angesagt und Grant meint, dass wir nicht unnötig leiden sollten, das Skifahren, Spuren und unsere Lehrinhalte werden schon interessant genug. Bei Sturm, extremer Kälte und Null Sicht lernt es sich wohl nicht so gut.

Der initiale Aufstieg hat es schon kräftig in sich. Wir spuren durch einen engen Canyon mit fließendem Wasser in der Mitte. Die Hänge am Rand sind vereist und immer wieder rutscht ein Ski zur Seite, in Richtung Wasser. Da es eine Geländefalle für Lawinen ist, gilt es fix hier durchzuspuren. Camping-Equipment, Essen, Benzin, Kleidung und Lawinenausrüstung erschweren den Rucksack auf über 20 Kilogramm und versuchen mich mehrfach in den Bach zu ziehen.

Was für ein Zustieg
So ein geiler Platz zum Zelten!

Nach einer kleinen Skirunde am Abend und einer unglaublich erholsamen Nacht im Zelt steht unsere erste leichte Tour an. Wir spuren zum Little Crowfoot Mountain. Alpines Gelände liegt mir um einiges mehr. Ohne Bäume kann ich sicher, effizient, kreativ und schön meine Spur nach oben ziehen.

Aber heute biegen wir nach links ab, auf zum Little Crowfoot

 Immer aufwärts, Lawinengelände vermeiden, wenn man es kann und die Gruppe aufteilen, wenn man doch durch Lawinengelände hindurchmuss. Ich bin völlig in meinem Element, als ich die Gruppe anführe. Grant ist direkt hinter mir und wir besprechen meine Strategie, welche Steigungen gut sind, welche Route ich nehmen möchte und wie ich die Gruppe manage. Ich muss darauf achten, nicht zu schnell zu werden, wenn ich vorangehe. Ich tendiere dazu, mich auszupowern, wenn ich die Gruppe anführe.

Komplett unberührt – wir sind die ersten nach den letzten Stürmen
Der Weg ist das Ziel und der Weg ist äußerst flexibel beim Skitourengehen
Auf dem Gipfel vom Little Crowfoot, kurz bevor das Wetter umschlägt
Wetter im Anmarsch!

Erst als wir oben am Gipfel ankommen, merke ich, dass ich ja auch wieder runter muss. Genau in dem Moment zieht der Himmel zu und die Sicht reduziert sich auf wenige Meter. Okay, rechts an der einen Gletscherspalte vorbei, dann links von den Spuren halten und wieder gruppieren – geschafft! Weiter geht’s! Stück für Stück fahren wir ab. Ich bin hochkonzentriert während ich den Spuren folge, das Gelände mit den Knien abfedere und versuche nicht zu fallen, was mir nicht immer gelingt. Am frühen Nachmittag erreichen wir das Basecamp und ich entscheide mich gegen eine zweite Skirunde im nahen Umfeld am Nachmittag.

So sieht das Ergebnis eines Powderkusses aus

Am folgenden Tag steigen wir durch ein schwer lawinengefährdetes Stück auf zur Bow Hut. Wiedermal führe ich die Gruppe an, bekomme aber diesmal mehr Druck. Effizient und schnell möchten wir aus dem gefährdeten Stück wieder herauskommen. Grant ist sehr zufrieden, aber ich merke, dass ich bei solchen Abschnitten fittere Teilnehmer der Gruppe führen lassen sollte. Will zum Beispiel hat einen unendlichen Vorrat an Energie. Er hätte die Gruppe schneller und damit auch sicherer durch das Gebiet gebracht.

Unter diesem Eisfall müssen wir queren.

Wir steigen gemeinsam auf den Gipfel namens „The Onion“ und lernen auf dem Weg, wie wir uns auf dem Gletscher anseilen und bewegen. Die Abfahrt läuft trotz schlechter Sicht recht gut und wir nutzen die Zeit am Nachmittag für einen Rutschblock Test und um unsere Schneedeckenüberprüfungskenntnisse (tolles Wort!) zu verbessern.

Ich hüpfe wie wild auf unserem Rutschblocktest herum und hoffe dass er nicht bricht.

 Die Abfahrt von der Bow Hut zurück zum Camp ist ziemlich kurz aber treibt mir alle Schweißperlen auf die Stirn. Wir haben Null Sicht und Grant teilt uns mit, dass hinfallen hier keine Option ist. Ich versuche den Spuren meiner zwei Vorgänger zu folgen aber verliere mich etwas. Viel höher als gedacht traversiere ich den Hang und nehme so das steilste Stück des Hangs mit. Das sehe ich in diesem Moment aber nicht. Erst als meine Skier unter mir der Gravitation folgen, weiß ich, dass ich jetzt schneller werde als ich will. Unten angekommen bin ich völlig fertig. Das war mit Abstand der gruseligste Moment meines Lebens. Als kleiner Kontrollfreak hatte ich hier deutlich weniger Kontrolle als ich es wollte.

Der letzte Tourentag dagegen hat alles was es braucht. Ich gebe die Führung an fittere Jungs und Mädels ab und folge gemütlich deren Spuren. Wieder geht es an der Bow Hut vorbei, auf den Gletscher.

Bluebird Day!!!
Das traumhafte Tourengelände überhalb der Bow Hut
Pause unterhalb von St. Nicholas Peak

Unterhalb von St. Nicholas Peak queren wir nach Südosten und steigen zum Grat zwischen St. Nicholas Peak und Mount Olive auf. Den Gipfel nehmen wir heute nicht mit, denn wir müssen am Nachmittag weitere Lawinengruppensuchübungen durchführen.

Bestes Wetter und feinster Powder erhellen meine Laune beim Spuren, die Aussicht ist der Oberhammer und ich kann eine MEGA Abfahrt in den Schnee zaubern. GEIL! So soll es sein! In meinem Tourenbuch zu diesem Tag steht der Kommentar: “Hab endlich Powderfahren raus! Bombenwetter“.

Der Nordwestgrat von Mount Olive
Die Aussicht vom Grat auf die Wapta Icefields
Ich bin irgendwie froh, hier ein bisschen auf den Felsen kraxeln zu können.
Aussicht vom Grat bis zum Icefields Parkway und noch viel weiter
Eine diese Abfahrtsspuren unterhalb St. Nicholas Peak ist meine.

Am Nachmittag spielen wir zwei Lawinenszenarien durch. Im ersten Szenario sind vier Menschen verschüttet, einer liegt frei mit gebrochenem Bein und einer rennt wild umher und versucht seine Mutter zu finden, rennt aber seinem eigenen Signal hinterher. Will spielt ausgezeichnet seine Rolle und lenkt die Suchenden immer wieder ab.

Alex hat ein gebrochenes Bein
Will dagegen spielt den verrückten Suchenden, der seinem eigenen Gerät hinterherrrent
Kommunikation und Effizienz ist wichtig für die schnelle Bergung von Lawinenopfern

Das zweite Szenario, bei dem ich suchen darf ist etwas komplizierter. Wir wissen dass andere Gruppen vor uns sind, und sehen, dass eine große Lawine abgegangen ist. Als wir bei der Szene ankommen, finden wir ein paar Stöcke und Rucksäcke und beginnen unsere Suche nach einer unbekannten Anzahl von Opfern. 16 Minuten benötigen wir um alle sieben Opfer zu finden und zu bergen, einer davon ohne Lawinensuchgerät (das Opfer hing am Stock). Es ist unfassbar lehrreich, wie ein gestelltes Szenario Stress verursachen kann und ich hoffe, dass ich im Ernstfall meine Ruhe bewahren kann.

Wir warten auf unser Briefing
Ankunft beim ersten Opfer – erstmal Equipment rausholen
Mit der Sonde finden wir schnell das erste Opfer
Und dann wird gebuddelt!

Die Abfahrt am nächsten Tag mit vollem Gepäck zurück zum Parkplatz lehrt mich noch einmal, dass das Skifahren durch die kanadischen Wälder mein Schwachpunkt bleibt. Ich bleibe mehrfach mit den Skiern an kleinen Wurzeln und Sträuchern hängen und stürze zweimal. Da ist noch viel Übung notwendig!

Zurück in Canmore beginnt bereits die Vorbereitung für die letzte und längste Skitour des Semesters. Wir wollen für 6 Tage raus, einen Gipfel besteigen und an unseren Hochtourenkenntnisse arbeiten.

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