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Mount Joffre – Skibergsteigen mit Hindernissen

Nach den ersten Skitourentrips planen wir unsere längste Tour mit dem Ziel mehr über Gletscherbegehungen auf Skiern zu lernen und um einen höheren Gipfel zu besteigen – Skibergsteigen eben. Unsere Optionen sind Columbia Icefields, Wapta Icefields oder die Region um Mount Joffre in Kananaskis.

Da wir eine Schlechtwetterperiode mit viel Wind und Schnee erwarten, beschließen wir die Icefields außen vor zu lassen. Bei Mount Joffre können wir noch unterhalb der Baumgrenze campen und trotzdem große Ziele anstreben. Schlechtwettertage werden dann automatisch zu Lerntagen, an denen wir Gletscherspaltenbergung, Schneeanker und ähnliches durchnehmen wollen – damit wir zu sicheren Skibergsteigern werden.

Wiedermal sitzen wir vor Google Earth und Gaia, planen unsere Route und organisieren unser Essen für die sechs Tage Wintercamping und anstrengende Tage beim Skibergsteigen , die uns bevorstehen. Auf dem Rechner sieht das alles gar nicht so wild aus. 700 Höhenmeter und 10 Kilometer bis zum Basecamp, das ist ja einfach an einem Tag zu schaffen denken wir. Pustekuchen!

Schinderei durch den Wald

Überquerung vom Upper Kananskis Lake

Der erste Abschnitt über den Upper Kananaskis Lake ist recht einfach, dauert aber schon etwas. Spannend wird es nach dem See. Der Sommerpfad ist zu ausgesetzt, also müssen wir uns mal wieder durchs Unterholz zum Hidden Lake durchschlagen. Durch isothermischen Schnee macht das überhaupt keinen Spaß und wir kommen nur langsam voran. Am Hidden Lake dürfen wir die Skier erstmal abschnallen und durch den Matsch stapfen, bis wir wiedermal den See auf dem Eis überqueren. Auf der anderen Seite geht es nun Steil durch den Wald bergauf und als wir um 15:00 Uhr unterhalb der Fossil Falls ankommen, diskutieren wir ob wir die nächsten 400 Höhenmeter noch anstreben sollen. Glücklicherweise entscheiden wir uns dagegen und campieren unterhalb des Wasserfalls

Kayla ist umgefallen und ihr Rucksack ist so schwer (-40 Grad Schlafsack …) dass sie alleine nicht mehr hochkommt.

Ein langer zweiter Tag

Der zweite Tag beginnt recht „harmlos“ mit einem Aufstieg durch einen breiten Lawinenpfad. Wir geben alles um so fix wie möglich aus der Gefahrenzone zu kommen, nur Joel hat seinen Rucksack nicht ordentlich gepackt und verliert seinen Helm und ein paar andere Sachen über den halben Hang. Nick, einer unserer stärksten Skifahrer übernimmt die „Rescue-Mission“ und kann alles bergen. Währenddessen schlagen sich die ersten von uns durch eine steile Stelle im Wald. Hidde packt diese Steigung aber nicht und fällt in einer der Kehren um und versucht den Rest des Hangs zu stapfen. Damit zerstört er den einzig möglichen Weg für uns und wir brauchen geschlagene zwei Stunden, um diese Stelle zu überwinden. Mit jedem Schritt sinken wir bis zur Hüfte in den Schnee, es geht nur Zentimeter für Zentimeter vorwärts. Völlig abgekämpft machen wir eine kleine Pause, bevor es weiter durch den Wald geht. Diesmal stehen die Bäume etwas weiter auseinander, so dass ich immer wieder einen eigenen Weg finden kann, wenn mir die Spur zu steil erscheint. 

Vor allem mit dem schweren Gepäck (23,8 Kilogramm ohne Wasser) ziehen sich diese 400 Höhenmeter wieder ziemlich. Als wir auf dem Plateau ankommen bin ich total erleichtert, aber habe Null Energie um mich der Navigation zu widmen. Meine Nase hätte mich in eine falsche Richtung gesandt und mein altes Telefon hat auch schon den Geist aufgegeben. 

Die Abendstimmung vom Basecamp

Kompass und Karte habe ich zwar am Mann, aber ich überlasse anderen in der Gruppe den Vortritt bei der Routenfindung. Mühsam schleppe ich mich hinterher und bin froh, als wir endlich Aster Lake und damit unser Basecamp erreichen. Es ist 15 Uhr und wir sind sieben Stunden unterwegs gewesen für 3,5 Kilometer und 400 Höhenmeter – unvorstellbar.

Blick zurück ins Tal – irre!
Basecamp, Baby – Skibergsteigen mit Stil!

Lawinengefahr am Ruhetag

Da am folgenden Tag schlechtes Wetter und wenig Sicht herrscht, beschließen wir einen Ruhetag einzulegen und Joffre lieber einen Tag später anzugehen. 

Das bedeutet aber nicht, dass wir im Zelt bleiben. Wir schnallen unsere Skier an und gehen mit leichten Tagesrucksäcken (was für eine Wohltat) nur 400 Höhenmeter durch die alpine Landschaft um den Aster Lake. Wenn es gut läuft, können wir über den Südgrat den Warrior Mountain besteigen. Da wir uns über die Schneedecke informieren möchten, graben wir mehrere Gruben und testen die Schneeverhältnisse. Gemischte Ergebnisse veranlassen uns auf Terrain auszuweichen, das weniger Lawinengefährdet ist. Immer wieder reißt die Wolkendecke auf und wir bekommen erste Blicke auf Mount Joffre und die umliegende Schönheit. 

Rodrigo am aufsteigen
Immer wieder hat man etwas bessere Sicht

Am letzten Hang vor dem Südgrat macht Darcy, unser Guide noch einmal einen Stopp und ein paar Jungs graben eine erneute Testgrube, während Darcy etwas weiter oben ein sogenanntes Hasty Pit macht. Er schnallt einen Ski ab und stapft in den Schnee. Das Ergebnis ist ein lautes „Whoomp“!

Einige Meter links von ihm beginnt die Schneedecke zu reißen. Ein circa 200 Meter breiter Riss entsteht und eine große Lawine geht neben uns ab. Diese Lawine löst eine zweite Lawine über Nick und Will in der Grube aus, die glücklicherweise deutlich kleiner ist und ein paar Meter vor den beiden stoppt. 

Überwältigt von der Naturgewalt, die da eben abgegangen ist, evaluieren wir die Lage und kommen zu dem Schluss, dass wir alles richtig gemacht haben. Die Tests wurden in sicherem Gelände gemacht und das Ergebnis hat uns gezeigt, dass die Schneebretter tatsächlich auf einer schwachen Schicht liegen und wir daher vorsichtig sein müssen – vor allem in Ost-Aspekten, wo der Wind den Schnee hintreibt.

Der rechte Teil ist die Lawine die über unseren Köpfen runter ist – man sieht aber dass die Krone bis ganz links heraus geht.

Zurück im Camp verbringen wir den restlichen Nachmittag mit Gletscherspaltenbergung und versuchen auf andere Gedanken zu kommen, bereiten uns aber mental auf einen großen nächsten Tag vor.

Darcy und Paul zeigen uns Gletscherspaltenbergung beim Skibergsteigen

Summit Push – auf 3450 Meter hoch hinaus

Mount Joffre am Morgen – Der Gipfel ist über die steile Schneewand rechts zu erreichen.

Es ist Zeit einen ordentlichen Gipfel zu besteigen. Mit 3450 Metern ist Mount Joffre ein tolles Ziel. Der „Ruhetag“ hat geholfen und voller Energie machen wir uns auf den Weg. Nach den gestrigen Vorfällen sind wir heute nochmal sehr vorsichtig aber schätzen die Lawinengefahr auf den Aspekten, über die wir aufsteigen niedriger ein.

-15 Grad, es wird Zeit dass die Sonne rauskommt!

Mit entspanntem Tempo gehen wir die 1200 Höhenmeter an und kommen sehr gut vorwärts. Wir seilen uns für den Gletscher an und steigen einen Großteil der Nordwand mit den Skiern auf, bis es dafür zu steil wird. Im Gegensatz zu den letzten Tagen, wo ich eher im Mittelfeld aufgestiegen bin, findet man mich heute ganz vorne. Ein Ziel wie Mount Joffre ist ein Mega-Motivator für mich, alles herauszuholen. 

Blick zurück zur Aufstiegsroute
Hinauf, hinauf!
Auf dem Gletscher
Die Spuren von ein paar überambitionierten Frühaufstehern 😛

Paul und Darcy, unsere Guides geben uns die Optionen die Skier dort zu lassen, wo wir sie abschnallen oder sie mit auf das Gipfelplateau zu nehmen. Ich setze mir in diesem Moment aber eine schlaue Regel. Wenn ich das nicht mit Skiern hochkomme, sollte ich den Hang auch nicht abfahren. So stapfe ich ohne Skier vornweg und komme als erstes am Gipfelplateau an. Hier müssen wir dem völlig fertigen Rodrigo leider erklären, dass wir immer noch 100 Höhenmeter vor uns haben. Der arme Kerl dachte wir sind nun auf dem Gipfel. 

Jetzt geht’s nur noch zu Fuß weiter!
Das ist eher mein Bergsteiger-Stil – zu Fuß! Passt halt nicht ganz zu Skibergsteigen.
Voller Energie aufwärts!
Auf dem Gipfelplateau

Das Gipfelplateau liegt mittlerweile in einer Wolke und wir haben Null Sicht. Also geht’s nach einem kurzen Abstecher zum Gipfel zurück zu den Skiern – und das sogar richtig schnell. Der Schnee ist knietief und mit sogenannten „Plunge Steps“ lasse ich mich auf die Fersen fallen und komme fix zurück zu den Skiern und kann diese anschnallen, bevor die ersten Verrückten über mir den Steilhang abfahren. 

Die wahnsinnige Gipfelsicht!
Zurück bei den Skiern – jetzt ist Abfahrt angesagt!

Auch wenn ich etwas tiefer starte, ist es kein einfacher Hang. Ich starte langsam, quere den Hang breit und lasse die Turns immer kürzer werden – das macht etwas Angst aber auch Mega Spaß. Überglücklich, diese schwere Abfahrt geschafft zu haben bremse ich vor der Gruppe ab, aber entscheide im letzten Moment, um die Gruppe herumzufahren. Ich verliere meine Konzentration und in dem Moment vergräbt sich mein Linker Ski im Tiefschnee. Wie in Zeitluppe kippe ich über meinen linken Fuß nach vorne, verdrehe mir mein rechtes Knie und meinen linken Knöchel. Ich schreie vor Schmerz auf und muss mich erstmal sortieren. Die anderen wundern sich, was passiert ist, denn keiner hat in dem Moment zu mir geschaut. Noch halb im Schnee vergraben fährt dann Yo auch noch auf mein rechtes Knie im Schnee, da er es nicht sieht. Das passiert also mit Anfängern beim Skibergsteigen. 

Der Schmerz im rechten Knie lässt relativ schnell nach, aber das linke Bein hat etwas abbekommen, da bin ich mir sicher. Mein Skiboot ist immer noch in der Bindung, also löse ich diese zuerst und nehme den Skiboot ab. „Sieht alles gut aus, keine Deformation“, denke ich mir. Darcy drückt auf meinem Schienbein herum und mir wird schwarz vor Augen. Der Großteil der Gruppe ist bereits weitergefahren und warten eine Abfahrt weiter auf uns.

Als erste Reaktion schlucke ich ein paar Ibuprofen Tabletten. Hier zu bleiben ist für mich keine Option und von Helikopter will ich nichts hören. Mit Darcys Hilfe, schaffe ich es wieder in den Skiboot. Ich kann vor lauter Schmerz aber nicht die Ferse in die Bindung drücken, da dann der Boot gegen mein Schienbein drückt. Auch da hilft mir Darcy und zeigt mir, dass ich auch sanft in die Bindung komme, indem ich den Hebel hochziehe.

Im Sideslip fahre ich den restlichen Berg ab. Kurven gehen nur in eine Richtung, das linke Bein kann ich nicht wirklich belasten. Die letzten drei Kilometer müssen wir noch einmal mit den Fellen zurücklegen und das geht glücklicherweise wirklich gut. Zurück im Basecamp lege ich mich direkt ab und will nichts mehr wissen. Die Nacht ist beherrscht von Schmerzen und als ich am Morgen aufstehe habe ich einen stechenden Schmerz im rechte Knie, der schlimmer als das Schienbein ist. Klasse! 

Abfahrt und Feedback zum Skibergsteigen

Long Story Short – die 2 Tage Abfahrt ins Tal inclusive einer letzten Gletscherspalten Rettungsübung würde ich gerne aus meinem Gedächtnis streichen. Tiefschneefahren durch engen Wald mit Gepäck und Schmerzen ist nicht gerade schön. Dafür bin ich jetzt Experte in der Spitzkehrentechnik für Abfahrten (Downhill Kickturn). 

Ich bin überglücklich als wir endlich am Upper Kananskis Lake ankommen und wir nur noch einmal den See überqueren müssen. Die Überquerung nutzen wir für Feedbackgespräche mit unseren Guides.

Ich bin überaus selbstkritisch mit mir selbst und spreche an, dass mir Aufstieg und Abfahrt durch die Wälder weiterhin unglaublich schwerfällt und dass mein Sturz definitiv auf verlorene Konzentration zurückzuführen ist.

Paul erwidert dagegen, dass er sehr stolz auf mich ist. Ihm gefällt meine Art, wie ich die Gruppe anführe, alle Details im Blick behalte und vor allem, dass ich im alpinen Bereich sehr gut im Aufstieg und der Routenfindung bin – auch die Abfahrten, die er beobachtet hat, waren wohl gut. Das mit dem Wald wird besser, versichert er mir – und dann wird mir Skibergsteigen auch mehr Spaß machen.

Er stellt mir folgende Frage: „Do you know anybody else who climbed a mountain like this on skis, including the hardest tree skiing and glacier travel, after only 30 days of skiing?” 

Jetzt bin ich dann doch auch ein wenig stolz auf mich und freue mich, dass die Skisaison nun beendet ist und wir uns in den nächsten zwei Wochen der Ersten Hilfe widmen. Ob ich nächstes Jahr Skibergsteigen gehe, steht noch in den Sternen. Vermutlich werde ich mich eher kleineren Touren widmen um sicherer zu werden.

Erst zwei Wochen später gehe ich zu einer Physiotherapeutin. Die gute Nachricht, das Knie ist heile – die Schmerzen bei manchen Bewegungen sind auf eine leichte Überdehnung zurückzuführen und sollten bald verschwinden. Auch mein linkes Bein hat wohl keine nachhaltigen Schäden, aber ein Band zwischen Schienbein und Wadenbein wurde ordentlich überdehnt und damit zieht es Wadenbein und Schienbein beim Laufen auseinander, was die Schmerzen verursacht. Mit einem Tape kann ich das aber bei längeren Touren stabilisieren.

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