USAWashingtonWeltreise Tagebuch

Seattles Gastfreundschaft und Claudias Heimkehr nach Deutschland

Mit der großen Hundebox im Gepäck starten wir auf unsere letzte gemeinsame Etappe von Portland nach Seattle, wo wir wieder einmal in einem Airbnb unterkommen um für Claudias Rückkehr und meine Weiterfahrt umzuräumen und zu packen, Seattle und die Gegend zu erkunden und die gemeinsame Zeit.

Silverstar Peak

Wir besuchen das Team von GHT Overland Podcast, die uns erst im Frühjahr letzten Jahres interviewt haben und bekommen von den beiden den Tipp, auf den Silverstar Mountain zu wandern. Dort soll es noch keinen Schnee geben, man würde aber Mount St. Helens, Mt. Adams und Mt. Hood sehen, drei der Kaskadenvulkane. 

Ich nutze das als kleine Trainingseinheit, packe meinen Rucksack mit knapp 10 Kilogramm und ziehe die neuen Bergschuhe an. Es liegt tatsächlich auf den ersten 300 Höhenmetern kein Schnee, die zweiten 300 Höhenmeter dürfen wir uns allerdings durch tiefe Schneeverwehungen und durchs Gebüsch kämpfen (wenn man den richtigen Weg gewählt hätte, hätten wir uns das Gebüsch wenigstens gespart). 

Tuco findet den Schnee wie immer großartig und auch für uns lohnt sich der Weg, denn der Gipfelausblick ist großartig. Mt. Hood und Mt. St. Helens zeigen sich, die restlichen Vulkane bleiben meist hinter den Wolken. Auf dem weiteren weg nach Norden versuchen wir den Mt. St. Helens zu umrunden, der 1980 mit seinem Ausbruch einen großen Teil seiner Bergmasse verloren hat. Leider sind die Straßen über die Pässe gesperrt und wir bekommen nur einen Blick aus der Weite.

Mount St. Helens

Bewerbungen und Besuch von Downtown Seattle

In Seattle angekommen verbringen wir die ersten Tage erst einmal mit weiteren Vorbereitungen für die Heimkehr. Ich schreibe ein paar Bewerbungen, da ich dazu bald keine Zeit mehr habe und Claudia regelt für sich mal eben schnell, dass sie bei ihrer alten Arbeitgeberin in Teilzeit einsteigen kann.  Wir räumen das Auto aus, packen alle Sachen in die Rucksäcke die ich nicht mehr brauche.

Unser Airbnb ist sehr günstig, aber auch leider nicht das Beste. Wir fühlen uns sehr eingeengt in unserem sehr kleinen Zimmer, in dem wir nicht mal das Fenster öffnen können. Vor allem Claudia leidet darunter – mir sind höhlenartige Umgebungen als Informatiker immerhin bekannt. Allerdings haben wir auch einen super Deal gemacht.

Tuco benimmt sich derweil rüpelhaft und diktiert Claudia, wann er in den Dog Park möchte. Da die Hosts die Bellerei nicht abkönnen, lernt Tuco schnell, dass er seine Ziele durch Bellen erreicht. Mist! Es braucht fast zwei Wochen um ihm das wieder abzugewöhnen.

Downtown besuchen wir nur einmal. Mit dem Bus (Tucos erste Busfahrt) geht es in die Stadt, wir laufen ein paar Stunden durch die Stadt und sind zufrieden. Vor allem der Ausblick auf die Berge der Olympic Peninsula und auf den Mt. Rainier sind fabelhaft.

Trainingseinheiten

Um nicht nur die Stadtviertel bei den immer länger werdenden Hundespaziergängen zu erkunden, fahren wir immer wieder bis zu 60 Kilometer aus der Stadt heraus. Am Tiger Mountain laufen wir zwei Trails hinauf. 

Ich laufe mit 14kg und 17kg und den schweren Bergschuhen, während Claudia und Tuco nur mit Kameras bepackt deutlich leichtfüßiger unterwegs sind. Der erste Trail zum Poo-Poo-Point (zwei Toiletten und Paraglider Startrampe) ist noch recht angenehm.

Oben angekommen 🙂
Das wäre mal ein schöner Abstieg
Mount Rainier sticht heraus
Einfach ein wunderschöner Berg – Mount Rainier von Nahem

Der zweite Weg, der sich Cable-Trail nennt, hat es aber ziemlich in sich. Es geht auf direktem Wege zu einem der Tiger Mountain Gipfel. Für die 624 Höhenmeter brauchen wir ganze 1:20 Stunden und ich bin recht zufrieden. Tuco genießt sichtlich, dass wir ihn mal wieder ohne Leine laufen lassen können und er ballert den Weg hoch und runter, immer an uns vorbei, was für ein Energiebündel.

Auch der dritte Trail den wir laufen hat es in sich. Wir planen knappe 950 Höhenmeter auf den Mt. Washington aufzusteigen. Da wir recht spät gestartet sind, beschließe ich, das Trainingsgewicht und die Bergschuhe am Auto zu lassen. Wir kommen zügig voran und machen gut Kilometer und Höhe, bis wir auf den Schnee stoßen. Wir kämpfen uns noch eine ganze Weile voran, müssen aber schlussendlich aufgeben. Der Schnee ist steil und vereist, Claudia fühlt sich damit nicht wohl und wir kommen nur sehr langsam voran. 

Verabredungen und amerikanisch-rumänische Gastfreundschaft

Auf dem Rückweg vom ersten Trail in die Stadt versucht mich ein Sprinter-Fahrer während der Fahrt anzusprechen, aber ich verstehe kein Wort. Wir vereinbaren mit wildem Fingergewedel, dass wir die nächste Abfahrt nehmen. Als ich auf einem Parkplatz parke, kommt auch schon der Fahrer aus dem Sprinter gesprungen und sagt mir, dass er das so großartig findet, was wir da tun – auf deutsch. Er erklärt mir, wie dankbar er Deutschland ist, da er selbst 1989 von Rumänien nach Deutschland gekommen ist und alles bekommen hat, um eine Ausbildung zu machen und sich sein Leben aufzubauen. Dann drückt er mir Geld in die Hand. Ich bin baff, sage dass ich das Geld nicht brauche – er besteht darauf. Ich bedanke mich, aber kenne noch nicht mal seinen Namen. Adrian heißt er und er und seine Frau sind vor über einem Jahrzehnt aus Deutschland in die USA ausgewandert und er hat ein gut laufendes Gas-Wasser-Heizungs-Business. Er meint, dass er mit der deutschen Präzision und Pünktlichkeit hier einen absoluten Marktvorteil hat. 

Er möchte uns zum Essen einladen, ich muss leider für heute ablehnen, da wir uns mit Thomas (www.90kmh.de) verabredet haben. Da drückt er mir noch mehr Geld in die Hand. Ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Wir tauschen Telefonnummern aus, denn Adrian möchten wir besser kennenlernen und verbringen ein paar Tage später einen wunderschönen Tag bei Barbecue bei ihm und seiner Frau zuhause.

Völlig überwältigt und gerührt fahren wir zum Treffpunkt mit Thomas, den ich erstmal auf Kaffee und Bier einlade.

Eines Morgens sehen wir eine Notiz an unserem Calimero. Nicholas fährt auch Land Rover und möchte uns kennenlernen. Wir treffen uns sogar zwei Mal und tauschen Abenteuergeschichten aus. Nicholas ist Land Rover Fahrer, Kletterer und war schon auf mehreren Expeditionen, hat in Südafrika gewohnt und war schon mehrere Male auf dem Mt. Rainier. 

Über Facebook lernen wir auch noch Richard kennen. Mit ihm und seiner Frau treffen wir uns ebenfalls zum Abendessen. Er fährt mit seinem Porsche Cayenne!! Overland-Ralleys in Nordamerika und auch hier können wir wieder tolle Geschichten austauschen.

Ich war lange der Meinung, dass die Kanadier gastfreundlicher seien als die Amerikaner. Allerdings zeigt uns Seattle, dass es doch einmal anders sein kann. Seattle gibt uns zum Abschluss einen wundervollen Mix aus schönen Wanderungen, großartigen Begegnungen aber auch etwas Zweisamkeit und Entspannung, die wir dringend benötigen, denn der letzte gemeinsame Reisetag rückt schneller heran, als wir uns das wünschen.

Tuco, der Tierarzt und die Wand

Beim Tierarzt werden wir zweimal vorstellig. Das erste Mal geben wir alle Dokumente ab und beim zweiten Mal wird Tuco geprüft. Tuco ist sichtlich aufgeregt und lässt niemanden an seinen Hintern zum Fiebermessen. Er hat wohl schlechte Erinnerungen vom letzten Mal. Mit dem Hintern zur Wand müssen wir am Schluss die Temperatur schätzen lassen. 

Mit den Dokumenten vom Tierarzt fahre ich am nächsten Morgen noch vor der Rush Hour 100 Kilometer nach Tumwater um die Dokumente von der Landwirtschaftsbehörde beglaubigen zu lassen. Die teilen mir jedoch schnell mit, dass das Tollwut-Zertifikat nicht passt und ich ein neues ausstellen lassen muss – vom kanadischen Tierarzt. Da ich mit meiner Mobilfunktarif nicht nach Kanada telefonieren kann, suche ich mir ein Kaffee um mit Skype bei der Tierarztpraxis in Quebec anzurufen, die mir auch prompt helfen. Nach drei Stunden habe ich endlich alle Dokumente beisammen und alles korrigiert, damit wir Tuco nach Deutschland bekommen.

Ich schicke die Dokumente an den Amtsveterinär in Frankfurt und er teilt uns mit, dass alles seine Ordnung hat. Geht doch! 

Der Tag der Heimkehr

Als wir am Montag, Claudias Tag der Heimkehr aufwachen, ist Seattle weiß. Es hat über Nacht mehr als 10 Zentimeter geschneit, was für Seattle sehr selten ist. Ich schaue direkt in den Nachrichten ob irgendetwas vom Flughafen bekannt ist. 142 verschobene und 62 abgesagte Flüge sind schon bekannt. Das darf doch nicht wahr sein. Claudias Flug ist allerdings noch geplant und daher bereiten wir trotzdem alles vor. Wir laden ein letztes Mal die große Hundebox ins Auto (ich habe mir bisher JEDES Mal weh getan, wenn ich sie ein- oder ausgeladen habe, so auch diesmal). 

Durch das Schneegestöber fahren wir zum Flughafen, laufen dort noch einige Runden und beordern dann einen Herrn mit großem Gepäckwagen, der uns hilft all das Gepäck zum Check-In zu bringen. Hier klappt tatsächlich alles super. Die Aufregung bei uns beiden wächst von Minute zu Minute. Tucos Box wird kontrolliert, für OK befunden und so laden wir Tuco in die Box und lassen ihn am Check-In Schalter. Jetzt ist die Fluglinie für ihn verantwortlich.

Noch ein gemeinsames Abschiedsfoto

Claudia und ich gehen zum Security Check und nun ist auch für uns der Zeitpunkt der Verabschiedung gekommen. Ich werde sogar beim Schreiben emotional, wenn ich an diesen Moment zurückdenke. Auch wenn sich die Idee mit meinen Bergabenteuern und Claudias Heimweh für uns beide gut anhört, fällt es uns in dem Moment sehr schwer loszulassen. Tränen kullern. Wir haben uns von vielen Menschen auf dieser Reise immer wieder verabschiedet, aber mich von Claudia, meiner großen Liebe, meiner Komplizin und meiner besten Freundin für 147 Tage zu verabschieden ist eine ganz andere Hausnummer.

Ich beobachte noch wie sie zum Check läuft und drehe mich dann um, laufe mit einem großen Kloß im Hals noch einmal kurz zu Tuco und gehe dann zum Auto, das auf einmal so leer ist.

Die erste Nacht alleine

Ich habe aus Spaß zu Claudia gesagt, dass ich „I’ve been looking for Freedom“ von David Hasselhoff laufen lasse, wenn ich vom Flughafen wegfahre. Danach ist mir allerdings nicht. Ich versuche trotzdem die positiven Gedanken überwiegen zu lassen. Ich hoffe für Claudia, dass alles gut geht und freue mich ungemein für sie, dass sie ihre Familie bald wiederhat, die sie so oft vermisst hat.

Ich fahre noch am Abend die ersten 100 Kilometer über den schneebedeckten Snoqualmie-Pass und lande schlussendlich an einem kleinen Diner für die Nacht. Als ich das Dach aufklappen will, schaffe ich es nicht. Es ist zugefroren. Na super! Ich bekomme glücklicherweise meinen neuen Schlafsack und ein Kissen aus dem Bett gezogen und baue mein Notbett auf. 

Erste Nachrichten von Claudia

Am sehr frühen Morgen bekomme ich die Info, dass Claudia gelandet ist und alles geklappt hat, ich bin sichtlich erleichtert. Während ich weitere 400 Kilometer fahre, erreicht sie ihr Zuhause und verbringt den Abend mit der Familie. 

Als ich gerade im Walmart in Spokane einkaufe, hat sie Zeit zu telefonieren. Was für ein komisches Gefühl, noch vor 24 Stunden war sie an meiner Seite, jetzt habe ich sie nur noch am Telefon und sie ist auf einem anderen Kontinent. Wir hatten das vorher schon oft, aber nie länger als 90 Tage, meist sogar nur für 1-2 Wochen.

Sie erzählt mir von erweiterten Checks in Seattle (der Bombentest hat angeschlagen), von einem entspannten Flug mit wenig Schlaf und davon, dass Tuco total entspannt war, als sie ihn aus der Box geholt hat und dass der Zoll nichts von Tucos Ankunft wusste, obwohl wir ihnen alle Infos vorab geschickt haben. Da der Tierarzt nicht einmal anwesend ist, spart sich Claudia eine 50 Euro Gebühr und Tuco darf einreisen. Alles total einfach. 

Ich bin erleichtert, dass alles geklappt hat und kann nun meinen Weg nach Kanada fortsetzen, wo ich in den nächsten Wochen Skifahren lernen möchte!

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