Bernds BergweltenBritish ColumbiaKanadaWeltreise Tagebuch

Skifahren lernen Teil 1 – 6 Skitage im Powder-Paradies Fernie

„You can link together parallel turns down intermediate runs at a ski hill“. Das ist die einzige Vorbedingung für die Teilnahme am dreimonatigen Bergsteiger-Semester in den Rocky Mountains in dem sich ein großer Teil des Kurses mit Lawinensicherheit und Skitourengehen beschäftigt.

Sonnentag – Bild: Markus Ritter

Mein Problem – ich war mit 12 Jahren einmal 2 Tage auf Skiern und muss damit erst einmal Skifahren lernen. Dafür habe ich etwas mehr als einen Monat Zeit und ich habe lange gebraucht, mir ein Programm zu erarbeiten was bezahlbar ist, aber in dem ich auch in kurzer Zeit viel lerne.

Im Skigebiet in Fernie gibt es einen Dreitageskurs inklusive Equipment und Lift-Ticket für Anfänger für sagenhafte 269 kanadische Dollar. Das sind 60 Euro pro Tag für 4 Stunden im Gruppenkurs pro Tag. Ein zweiter, drei Tage langer, halbtägiger Kurs für 229 kanadische Dollar soll mir dann Zeit für eigene Experimente erlauben.

Da man mit nur sechs Skitagen noch kein Profi wird, plane ich neun weitere Skitage im Skigebiet Nakiska um das Ziel zu erreichen, blaue Pisten (rot in Europa) sauber runterzukommen. Insgesamt sollen die 15 Skitage, allesamt mit Kurs und Equipment genau 1000 Euro kosten. Dazu kommen in Nakiska noch 250 Euro für die Unterkunft, durchaus ein bezahlbares Projekt. 

Zufälligerweise macht Markus, ein Ex-Arbeitskollege, ein Sabbatical mit seiner Familie in Fernie und ich darf mich bei ihnen einzecken und mir die Unterkunftskosten in Fernie sparen. Da gleichzeitig mehrere Gäste aus Deutschland zu Besuch sind, bekomme ich das letzte Zimmer, ohne Tür und ohne Bett – bin aber froh, dass ich bei unter -25°C nicht im Defender schlafen muss.

Erster Skitag – Der eisige Zauberteppich

Am Abend vor dem ersten Skitag verschärfen sich die Vorhersagen für den nächsten Tag. Manche Wetterberichte zeigen -38°C, manche -34°C gefühlte Temperaturen für die nächsten zwei Tage. Nach und nach sagt das Skiresort Events für das Wochenende ab und ich habe Bedenken ob der Kurs überhaupt stattfindet, schwöre mir aber, teilzunehmen wenn es stattfindet.

Am Morgen um kurz nach 7 kommt dann die gute Nachricht, dass zwar einige Kurse abgesagt werden, aber nicht meiner. Mit zwei langen Unterhosen, einer Softshell- und einer Skihose, sowie sehr vielen Lagen obenrum fährt mich mit Markus ins Skigebiet. 

Ich hole mir mein Dreitagesticket ab und bekomme meine Leih-Ski vom Verleihservice, mit denen ich mich pünktlich zum Treffpunkt begebe. Normand, ein pensionierter Herr aus Quebec wird für die ersten zwei Tage mein Lehrer sein. Mit mir hat sich nur ein weiterer Junge namens Mika für den Kurs angemeldet. Dafür, dass bis zu 6 Erwachsene im Gruppenkurs sind, läuft das schon mal sehr gut.

Meeting Point für die Skikurse

Gemeinsam machen wir uns auf den Weg zum „Mini Moose“ oder auch „Magic Carpet“. Auf einem gummierten Fließband fahren wir ganze 20 Meter den Hang hinauf um dann im Schneepflug nach unten zu fahren. Nach ein paar Versuchen fahren wir beide vernünftig den Kurven des Skilehrers hinterher.

Nur zwei weitere Skifahrer sind am Zauberteppich. Zwei Frauen fahren damit hoch und fallen immer wieder völlig unkontrolliert den Hang hinunter. Da bin ich doch froh, einen Skilehrer zu haben.

Nach einer halben Stunde müssen wir aber eine Pause machen. Mika friert stark und wir müssen ihn aufgewärmt bekommen. Normand gibt ihm Handwärmer und wir bleiben 15 Minuten im Warmen, bevor wir weitermachen können.

Kalt ist’s ja schon irgendwie, aber auch geil! Foto von Markus Ritter

Wir dürfen dann auch schon direkt zum ersten Lift, dem Mighty Moose – einem Schlepplift, mit dem das Skifahren schon etwas mehr Spaß macht. Nach und nach bringt uns Normand die Bewegungsabläufe bei. Mehr in die Knie, Belastung auf den äußeren Ski, immer in Balance bleiben – ich sauge die Infos auf und bekomme sie auch schnell auf den Hang übertragen. 

Normand ist super zufrieden und da Mika am Nachmittag nicht mehr dabei ist, bin ich die nächsten zwei Stunden alleine mit meinem Skilehrer. Normand nimmt mich direkt mit auf den ersten Sessellift namens „Deer Lift“, wo man die leichtesten Routen findet. Wir arbeiten kontinuierlich an meiner Technik und am Abend fahren wir sogar noch zum zweiten Lift, dem „Elk Lift“. 

Hinauf, hinauf!

Völlig begeistert von meiner Aufnahmefähigkeit beenden wir den Skitag und ich freue mich wie Bolle auf den nächsten Tag. Allerdings schmerzen mir die Muskeln und Knochen. Vielleicht hätte ich mir die anstrengende Wandertour am Vortag sparen sollen.

Zweiter Skitag – Privatstunden mit Normand

Der zweite Tag ist noch kälter. Ich komme pünktlich zum Skikurs und diesmal sind Norman und ich schon wieder alleine – den ganzen Tag. Ich kann mein Glück kaum fassen. Privatstunden für den ganzen Tag kosten normalerweise mehr als 500 Euro und ich bekomme sie zum Gruppenpreis von 60 Euro am Tag inklusive Equipment und Liftticket. 

Doch bei der ersten Abfahrt offenbart sich, dass ich wohl alles wieder verlernt habe. Ich stürze mehrfach und bin nach den ersten drei Abfahrten völlig gedemütigt. Was gestern so gut funktioniert hat, bekomme ich gar nicht mehr hin. Hochmut kommt wohl vor dem Fall.

Normand geht es ruhig an und bei der vierten Abfahrt läuft es auf einmal wieder wie geschmiert. Wir fahren zum Elk Lift und ich darf völlig neue Abfahrten ausprobieren. Immer wieder versucht mich Normand in steileres Gelände zu bringen, immer gerade an der Grenze meiner Fähigkeiten. Der Parallelschwung sitzt auf den grünen Pisten (blau in Deutschland) schon ganz gut und er nimmt mich am Abend mit auf die erste blaue Piste (Rot in Deutschland), die mir richtig Spaß macht. 

Der entscheidende Tipp hilft mir, bewusst darauf zu achten, dass sich meine Füße gleichmäßig drehen sollen. Den gesamten Nachmittag üben wir „Edging“, also die Nutzung der Kanten meiner Carving-Ski. Plötzlich fällt mir alles deutlich einfacher und die Muskeln schmerzen weniger.

Normand und ich harmonieren perfekt und er sagt mir am Abend, dass ich einer seiner besten Schüler bin, die er je hatte. Nach den ersten zwei Tagen hat mich Normand als Level 3 Skifahrer eingestuft und ich habe Lust auf Blaue Pisten. Ich bin stolz wie Bolle und passe mit meinem Ego kaum noch ins Auto.

Wenn der Bart an den Klamotten anfriert …

Dritter Skitag – Zurück zu den Basics

Am dritten Tag hat Normand leider frei und ich bekomme einen anderen Skilehrer. Taylor darf mich und zwei Mädels aus England heute mit auf den Berg nehmen. 

Damit ich mich nicht blamiere und um mich aufzuwärmen fahre ich schon vor dem Kurs meine ersten drei Abfahrten.

Doch Taylor nimmt uns erstmal mit auf die grünen Pisten und üben Basics. Wir beginnen mit Hockey-Stopps und er zwingt mich mit diversen Übungen dazu, meinen Oberkörper von meinem Unterkörper zu entkoppeln. 

Erst mit diesen Basics fahren wir wieder eine Blaue Piste und das auch erst am Nachmittag. Bei der dritten Abfahrt Mal fahre ich etwas vor und verpasse die Abfahrt zur einfachen blauen Piste und wir stehen vor einem deutlich anspruchsvolleren Stück, das ich aber völlig kontrolliert runterkomme – geil! 

Der Fokus auf die Basics hat also noch einmal jede Menge gebracht, auch wenn ich mit Taylor weniger harmoniere als mit Normand. Vielleicht lag es auch daran, dass die zwei englischen Mädels auch viel langsamer und ängstlicher unterwegs waren – die Nachteile von Gruppenkursen eben.

Da Markus, Joachim und René heute auch am Skifahren sind, treffen wir uns nach meinem Kurs noch auf zwei gemeinsame Abfahrten und ich kann ihnen zeigen, was ich alles in den ersten drei Tagen gelernt habe. Ich versuche nicht anzugeben, damit sie mich nicht in irgendwelche Steilhänge mitnehmen und so bleiben wir bei einer steileren grünen Piste. Die drei sind sichtlich beeindruckt, versuchen aber mein Ego aber nicht weiter aufblasen. 

Vierter Skitag – Experimente am Powder Day

Ich glaub da muss ich ein bisschen räumen! – Bild von Markus Ritter

Nach einem wohlverdienten Ruhetag beginnt auch schon der zweite Teil meines Skikurses in Fernie. Doch genau an diesem Ruhetag ist etwas passiert. Es hat geschneit – 50 Zentimeter und die ganze Stadt ist wild auf den sogenannten „Powder Day“. Geschäfte machen an einem solchen Tag später auf, in der Schule fehlen zwei Drittel der Schüler und ganz Fernie ballert am Morgen durch den frischen Powder am Berg.

POWDER! Bild von Markus Ritter
Der beste Tag der Saison und trotzdem ist nicht viel los! Was für ein geiles Skigebiet! Bild von Markus Ritter

Wieder einmal hole ich mein Dreitagesticket ab und sehe, dass ich mir diesmal sogar High-Performance-Ausrüstung leihen kann. Ich leihe mir breitere Ski, die auf Powder besser funktionieren sollen – ob das eine so gute Idee ist?

Auf meinen Warmup-Runden merke ich schnell, dass ich mir da ein ziemliches Handycap angeschafft habe. Die Skier sind deutlich weniger drehfreudig, Carving fällt viel schwerer und ich muss ziemlich kämpfen, nehme die Herausforderung aber an.

Für die nächsten drei Vormittage teile ich mir meine australische Skilehrerin Alex nur mit Irene, einer Kanadierin mit Berliner Mutter und gutem Deutsch. 

Alex drillt uns auf ihre eigene Weise und bringt uns mit ihren Tipps und Tricks zu deutlich voran. Immer wieder konzentrieren wir uns auf verschiedene Basics. 

Am Nachmittag dann bin ich das erste Mal alleine unterwegs und experimentiere mit den immer noch anstrengenden Skiern. Nachdem ich eine für mich sehr steile, unpräparierte blaue Piste namens „Bear“ nur sehr mühevoll abfahren konnte, entscheide ich mich, meine Skier noch einmal gegen ein tailliertes Modell einzutauschen und das war genau die richtige Entscheidung.

Harte Grenzen – Bild von Markus Ritter

Schon sehr müde auf den Beinen versuche ich noch einmal eine nicht gelistete, schmale Abfahrt direkt unter dem Lift, im Tiefschnee und komme ohne Sturz, aber völlig abgekämpft im Tal an. 

Ich treffe auf René und wir fahren noch einmal eine gemeinsame Abfahrt. Ich merke, dass meine Muskeln müde sind, aber möchte noch diese eine Abfahrt fahren. Wir fahren wieder einmal ganz hoch und fahren im Powder zwischen der blauen „Bear“ und schwarzen Piste (auf dem Plan sah es eher so aus, als wären wir direkt in die Schwarze eingestiegen, aber ein Schild habe ich nicht gesehen). Jeder Schwung zwischen den Powderhügeln und den vereisten Stellen kostet mich enorm Kraft und ich falle ein paar Mal, bis wir wieder an der Mittelstation ankommen. Ich stoße hier definitiv auf meine Grenzen und meine Kondition schafft einfach keinen vollständigen Skitag in anspruchsvollem Gelände.

Bild von Markus Ritter

Fünfter Skitag – Auf der anderen Seite des Bergs und noch mehr Tiefschnee!

Heute geht es hoch hinaus. Wir dürfen mit Alex hinauf in den Timber Bowl. Auf der anderen Seite des Skigebiets führt hier eine sehr lange blaue Piste namens Falling Star wieder zurück ins Tal, auf der wir unsere Balance, Oberkörperentkopplung und den Druck auf den äußeren Ski nach und nach optimieren. 

Am Nachmittag experimentiere ich wieder. Wieder einmal fahre ich die „Bear“ ab, die mir weiterhin am meisten Schwierigkeiten macht und als ich auf dem Weg ins Tal eine blaue Piste namens „Power Trip“ sehe, halte ich an und überlege ob das wirklich Sinn macht. Die Spur ist unglaublich schmal, mit viel Powder und führt steil direkt an einer Stromleitung durch den Wald herab. Nur einen Moment später erwische ich mich dabei, dass ich einfach reinfahre und muss mich dann wieder durchkämpfen. 

Fernies Skigebiet – Bild von Markus Ritter

Diese Experimente machen einfach so viel Spaß und ich brauche diese Abwechslung zum Drill im Skikurs. Trotzdem sind meine Muskeln müde und ich suche immer mehr Pausen. So beende ich den Skitag schon um 15:30 um mich mit Irene und ihrem Mann auf ein Bier zu treffen.

Sechster Skitag – Da brennen die Beine

Der letzte Skitag in Fernie – ich kann es kaum fassen. Wieder mal hat es etwas geschneit. Alle Pisten sind voll mit frischem Powder und Alex nimmt Irene und mich wieder einmal hoch auf den „Falling Star“ um uns noch einige Tipps mit auf den Weg zu geben. Wir lernen die richtige Benutzung unserer Stöcke und Alex nimmt mich immer wieder mit in tieferen Powder. Mit jeder weiteren Abfahrt brennen mir aber die Beine immer mehr. Daher beschließe ich, heute etwas früher aufzuhören, bevor ich vor lauter Müdigkeit grobe Fehler mache. Alex teilt Irene und mir mit, dass wir nun Level 4 Skier seien und ich auf einem sehr guten Weg bin. 

Das ist Nik – der Sohn von Markus … genau so habe ich mich oft gefühlt. Bild von Markus Ritter

Nach einer kurzen Mittagspause ziehe ich diesmal mit Joachim los. Er ist ein sehr fortgeschrittener Skifahrer, der auf den Schwarzen und Doppelt-Schwarzen Pisten in Fernie ordentlich Pistenkilometer abgespult hat. Wir fahren gemeinsam unpräparierte blaue Pisten und obwohl meine Muskeln müde sind, falle ich nicht, suche die steileren Wege und finde für mich einen guten Abschluss in Fernie. Ich nehme mir fest vor, das nächste Mal in Fernie die oberen Teile des Bergs mit seiner Vielzahl an schwarzen Powder-Pisten zu erkunden, aber bis dahin muss ich noch sehr viel üben.

Und wie geht’s nun weiter?

Komischerweise fühle ich mich auf den meisten blauen Pisten hier in Fernie schon ziemlich wohl und habe damit das übergeordnete Ziel schon erreicht. Die nächsten neun Skitage kann ich also damit verbringen, Pistenkilometer zu machen und vor allem an meiner Balance zu arbeiten. Laut Alex bin ich immer wieder zu weit hinten, zu wenig in den Knien und genau daran muss ich arbeiten um die anspruchsvollen blauen und vielleicht auch die ein oder andere Schwarze Piste zu fahren. Auch in Nakiska gibt es unglaublich tolle Deals und ich bekomme weitere halbtägige Skikurse um dann am Nachmittag wieder zu üben und zu experimentieren.

Ich bin sehr dankbar, dass ich bei Markus in Fernie unterkommen durfte. Mit René, Andrea, Benno, Joachim als weitere Gäste des Hauses und Niklas, dem Sohn von Markus, habe ich eine wundervolle Zeit hier in Fernie verbringen können. Ich durfte mich hier zuhause fühlen und das hat unglaublich geholfen, die Entfernung zu Claudia zu verarbeiten, mit der ich glücklicherweise auch fast jeden Tag telefonieren konnte.

Meine größte Sorge vor dem Bergsteigersemester war, dass ich vielleicht zu blöd zum Skifahren bin und ich damit die Grundbedingung für den Start nicht erfüllen kann. Diese Sorge hat sich nun glücklicherweise in Luft aufgelöst und ich freue mich auf die nächsten Skitage in Nakiska.

Sp soll das bei mir auch bald aussehen – Foto von Markus Ritter

Nebenbei konnte ich weitere Job-Interviews führen und habe mir einen wirklich tollen Job im Süden von München sichern können. Der Vertrag ist noch in Arbeit, aber ich bin zuversichtlich, dass das alles seine Ordnung hat und wir ab August südlich von München wohnen werden, irgendwo auf der Strecke zwischen Garmisch-Partenkirchen und München, bevorzugt nahe an den Bergen (wenn wir eine Wohnung finden). 

2 comments

  1. Einfach nur „Geil“ .toller Bericht, Bernd.
    Weiter so und viel Freude und Erfolg !
    LG
    Der Siggi

    1. Danke Siegfried! Ich bleib dran! 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*

Bleibe auf dem Laufenden und melde dich bei unserem Newsletter an.