GeorgienWeltreise Tagebuch

„Alleine“ in Swanetien

Ich laufe vom Flughafenterminal in Kutaisi gedankenverloren zum Parkplatz, bezahle die Parkplatzgebühr und steige in Calimero. Sofort stellt sich ein komisches Gefühl ein. Die letzten zwei Monate, war dieser Platz nie leer, wenn ich losgefahren bin. Wir waren 24/7 beieinander und alles gemeinsam erlebt. Es gab einige negative aber umso mehr positive Momente, deren Erinnerung wir uns teilen.

Ich muss mich wohl erst einmal daran gewöhnen ohne meine Geliebte, Komplizin und Ehefrau zu fahren.  Es sind nur drei Tage, als reiße ich mich zusammen, beschließe unter Leute zu gehen und fahre nach Mestia in der Region Swanetien.

Mestia liegt in den Bergen von Swanetien und diese Berge sollen wohl sehr schön sein. Außerdem gibt es dort eine Bar die sich Café Laila nennt. Dort soll laut Aussagen von anderen Reisenden die Post abgehen. Früher wäre ich für einen solchen Tip keine 200km in die Berge gefahren. Heute schon!Die Fahrt dorthin ist schön, aber leider sehr verregnet. Calimero scheint Regenwolken irgendwie anzuziehen.

svanetien
Man sieht schon, was einen erwartet.

25 Kilometer vor Mestia sehe ich einen Radfahrer, der sich den Hang hinauf quält. Es ist Rhys aus England. Wir haben ihn am ersten Tag in der Türkei schon getroffen. Nach einem Monat sieht man sich also wieder. Während wir eine größere Runde durch die Türkei gefahren sind, ist er am Schwarzen Meer entlang direkt bis nach Georgien gefahren. Wir chatten kurz und verabreden uns für den nächsten Tag in Mestia, denn er wird sich demnächst einen Platz zum campen suchen. Da er kein Essen mehr hat, schenke ich ihm eine Portion Tortellini, die Claudia und ich zuvor im Supermarkt ergattert haben.

Im Café Laila in Mestia bleibe ich ebenfalls nicht lange alleine. Ich treffe den etwas irren, alten und betrunkenen Iren John, ein Schweiz-Französisches Paar, ein Spanisch-Ecuadorianisches Paar und drei Deutsche mit denen ich den Abend verbringe. Auch Olgerd taucht auf einmal auf. Olgerd und seine Freundin Rima haben wir schon mehrfach in Georgien getroffen und ich freue mich total ihn wiederzusehen. Leider haben die beiden Magenprobleme und wir können uns nach dem kurzen Treffen nicht mehr sehen. Aber man weiß ja nie, die Welt ist klein.

Die restlichen Chaoten und ich trinken Bier im Café Laila und als ich bezahlen möchte, werden mir nur drei der fünf Bier abgerechnet. Anscheinend hat jemand anderes, zwei Bier bezahlt. DANKE an den anonymen Spender!

Da man betüddelt kein Auto fährt, klappe ich das Dach auf dem Marktplatz auf und lege mich ab. „Alleine“ war ich also nicht lange.

Am nächsten Morgen begegne fast allen wieder, wir trinken zusammen einen Kaffee und während ich chille und schreibe, verlassen die anderen nach und nach das Dorf um zu wandern oder um sich mit einem Offroad-Taxi nach Ushguli fahren zu lassen. Usghuli scheint ein wichtiges Ziel in Swanetien zu sein.

Ich überlege und plane eine große Runde zu fahren. Über einige Bergpässe und Offroad-Pisten kann man wieder nach Kutaisi kommen. Die Straßen sollen nur für Offroader geeignet sein und führen ebenfalls an Ushguli vorbei. Leider versichern mir die Taxifahrer, dass der Weg hinter Ushguli unpassierbar sei. Der eine Pass ist auf 2700m, der andere auf 2900m. Auf beiden herrschen noch wilde Schneeverhältnisse. Sie würden mir auch ohne Schnee abraten, alleine diese Strecke zu fahren. Das bedeutet, dass ich mal wieder den gleichen Weg zurück fahren werde. Schade!

Plötzlich bekomme ich eine Facebook Nachricht von Max. Max arbeitet im Café nebenan und hat unseren Calimero gesehen. Er fragt über Facebook ob ich nicht bei ihm einen Kaffee trinken will. Im gleichen Moment läuft Rhys zur Türe rein. Auch er ist endlich in Mestia angekommen. Wir gehen gemeinsam zu Max und erfahren, dass er davon träumt mit dem Fahrrad um die Welt zu fahren. Er lädt uns auf einen Espresso ein und Rhys und ich quatschen eine ganze Weile. Auch Jana, eine deutsche setzt sich noch dazu.

Rhys fährt mit dem Rad von England nach Neuseeland, mit einem groben Tagesbudget von 5 Euro. In Neuseeland wird er arbeiten, um sich den Rückflug leisten zu können. Krankenversicherung, Fehlanzeige. Unser Tagesbudget liegt beim zehnfachen von Rhys. Ich bin beeindruckt.

Rhys ist von ganzem Herzen Reisender und mir wird mal wieder klar, wie privilegiert wir sind, mit so viel Luxus reisen zu können. Er erzählt mir von seinen Abenteuern. Er hat beispielsweise eine Weile in einer Höhle in England gelebt und reist sehr gerne als Anhalter.

Wir wollen den Abend außerhalb von Mestia verbringen, Lagerfeuer machen und uns Abenteuergeschichten erzählen. Wir kommen jedoch keinen Meter vorwärts. Erst werden wir am Rad angesprochen, dann am Auto. Bis wir uns loseisen können, vergeht einige Zeit. Fotos sind obligatorisch. Instagram Girls wissen einfach, wie man Selfies macht. Wir nehmen das Bike auseinander, packen es ins Auto und fahren raus an den Fluss.

Das Handy wird ordentlich auf dem Boden positioniert, das Bild per Airdrop geteilt, bevor es befiltert wird und auf Instagram geladen wird. Da kann noch was lernen! <Danke an Unbekannt für das Bild>

Dort baut er sein Tarp auf, denn ein Zelt hat er nicht. Wir kochen gemeinsam und trinken Bier. Er erzählt mir von seinem unfassbaren Start der Reise. Sein eigentlicher Plan war, bis zur Donau zu radeln und dann mit einem Packraft die gesamte Donau entlang zu paddeln. Von dort aus würde er weiter radeln. 150km von Zuhause, am zweiten Reisetag, hat man ihm aber alles geklaut, was er hatte, bis auf das Bike und seine Wertsachen, die er bei sich hatte. Das hat zu einem SEHR frühen Abbruch der Reise geführt. Zwei Wochen später ist er mit „neuem“ deutlich schlechteren Equipment, weniger Geld in der Reisekasse dann doch losgefahren. Anstatt auf der Donau zu paddeln, ist er die gesamte Donau entlang geradelt. Jetzt ist er, wie ich, in Swanetien gelandet.

camping swanetien
Unser Camp am Gletscherfluss
Simplicity

Am nächsten Morgen wachen wir beide früh auf, trinken einen Kaffee und wandern zum Chaladi Gletscher, einer von vielen in Swanetien. Ich habe noch nie in meinem Leben einen Gletscher live gesehen. Man sieht dem Tal an, dass der Gletscher früher einmal größer war. Immer wieder gibt es ordentliche Abgänge von größeren Steinen, wir fühlen uns klein. Der Fluss schießt mit einer ordentlichen Gewalt unter dem Gletscher hervor. Das ist raue Natur, wie ich sie liebe.

swanetien
Der erste Blick auf den Gletscher, wenn man aus dem Birkenwald kommt.
Das Wasser schießt mit Gewalt aus dem Eis! Wir haben lange gebraucht, zu verstehen, dass wir schon auf dem Gletscher stehen.
Kunstwerk am Gletscher.
Wir nehmen den direkten Weg querfeldein zum Wanderpad.
Könnten Krüppelbirken sein – wahrscheinlich vom Schnee so geprägt
Kleine Diamanten in den Pflanzen
Mit Rhys gehe ich etwas langsamer durchs Gelände. Pflanzen sind genau sein Ding.

Nach der Wanderung verbringen wir den Nachmittag am Fluss. Rhys schnitzt eine Holzfigur, ich bearbeite Fotos und schreibe. Wir quatschen nebenher über das britische Parlament, diverse Lebensstile und alles mögliche Andere und genießen einen weiteren Abend am Lagerfeuer.

Rhys mit seinem Feuerstab

Am Sonntag springt Rhys in den Gletscherfluss um sich zu waschen. Ich fülle meinen Schweizer Wassersack und lasse die  Wassertemperatur in der Sonne etwas ansteigen, bevor ich dusche. Mein Duschwasser war zwar nicht warm, aber auch nicht eiskalt wie seins.

Da auch Rhys den Plan hatte über die Berge zu fahren, ist er froh, dass ich ihn wieder mit ins Tal nehme. Damit spart er sich 130km Rückweg. Wir treffen auf dem Weg weitere Radfahrer aus Russland und kommen mit ihnen ins Gespräch. Sie erzählen uns, dass sie über die Berge gekommen sind, aber die 4km über den Pass die Hölle waren. Es war Nebel und der Weg war über 4km komplett verschneit. Sie zeigen uns Bilder ihres Abenteuers. Der Schnee über dem Weg ist auf die Straße gerutscht und hat nur einen Korridor von circa 20 Zentimetern gelassen. Dann kamen einige Büsche und der Abgrund. Dazu der Nebel – das hat Expeditionscharakter.

Rhys und ich sind froh, den Weg nicht ausprobiert zu haben und fahren gemütlich mit Calimero zurück ins Tal.

Auf dem Weg ins Tal, registrieren wir erst, wofür die Baustellen auf dem Weg nach oben waren. Die Straße ist an vielen Stellen extrem ausgewaschen oder wurde im Winter komplett durch einen Erdrutsch zerstört. Wahnsinn!

Straßenreparaturen voll im Gange

Saying Goodbye!
Nur noch einen Sonnenuntergang bis Claudia wieder landet!

Am McDonalds von Sugidi trennen sich unsere Wege vorerst wieder. Ich bin mir sicher, dass wir uns wieder begegnen werden. In meinen drei Tagen alleine in Swanetien, war ich immer umgeben von tollen Menschen. Alleine Reisen hat den Vorteil, dass man andere Menschen einfacher kennenlernt, da man darauf angewiesen ist.

Ich habe die drei Tage in Swanetien genießen können, alleine war ich nicht wirklich. Ich freue mich aber ungemein, Claudia wieder in meine Arme schließen zu können, ihr von all den wundervollen Dingen zu erzählen, die ich erlebt habe und ihr zuzuhören, wie die Tage in der Heimat waren.

Jetzt ist alles wieder wie es sein sollte. Der Platz an meiner Seite ist wieder von meiner Geliebten, Komplizin und Ehefrau besetzt, und das soll auch genau so bleiben.

 

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One comment

  1. Unglaublich, wen Du irgendwo wieder triffst! Die Fotos sind wieder toll. Mein absolutes Lieblingsbild ist diesmal Bernd mit Calimero vor dem Sonnenuntergang. Perfektes Timing für die Stimmung und Perspektive. Cool.

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