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Spektakulärlose Vorweihnachtszeit in der Wüste? Pustekuchen!

Sieben Tage stehen wir, bewegen das Auto nur einmal in nächstgelegene Stadt um Vorräte aufzufüllen. Wir sind auf einem Campingplatz, der von Rentnern des Nordens im Winter bewohnt wird. Für nur 15 Dollar die Nacht bekommen wir heiße Duschen, langsames Internet und Zugang zur Bibliothek, in der die älteren Herrschaften so gerne puzzeln oder Mahjongg spielen.

Puzzle-Abend

Einfach mal Sein

Wir lesen viel, ich gehe jeden Tag zwischen einer 60 und 90 Minuten joggen. Wir sind auf einmal in der völligen Spektakulärlosigkeit angekommen. Nichts als Wüste um uns herum und wir beantworten dem einen Vietnam-Veteran geduldig jeden Tag erneut die gleichen Fragen über unsere Reise. Irgendwie so haben wir uns das vorgestellt.

Bernd beim Joggen – Foto: Gerald Voigt

Wir brauchen die Zeit um zu verarbeiten und einfach mal zu sein. Mir spuken wieder viele Gedanken im Kopf herum, die ich endlich sortieren kann. Claudia verbringt viel Zeit damit, Tuco auszuführen. Mindestens drei Stunden ist sie täglich mit ihm irgendwo in der Wüste unterwegs. Es tut gut, nicht auf die vier Quadratmetern unseres Land Rovers eingeschränkt zu sein. Auch Tuco genießt es, dass er nicht mehr tagsüber ins Auto muss und lümmelt zwischen den langen Runden am Auto herum.

Länger als sieben Tage dürfen wir hier nicht stehen, daher fahren wir langsam weiter. Noch am Abfahrtsmorgen werden wir gefragt, wo wir hinfahren. Ich antworte: “I have no idea“.

So schnell könnte es zu Ende sein

Ich laufe noch eine letzte Runde durch die Wüste, bin tief in Gedanken, bis mich plötzlich ein lauter Knall direkt neben mir aufschreckt. Ich rufe „Woahhh“ und weiß gar nicht, was das war. Da höre ich nicht weit von mir einen Ami rufen: „Oh sorry, I didn’t see you. Are you OK?“.  Ich frage mich, warum er mich das fragt. Schlagartig wird mir klar, dass er geschossen hat – in meine Richtung. Als ich hinter den Büschen hervorkomme steht ein älterer Herr mit einem Gewehr da und entschuldigt sich. Ich will aber nur weiter und laufe ein wenig schneller zurück zum Campingplatz.

Immer noch etwas geschockt, dass der Kollege einfach in der Wüste rumballert, ohne zu sehen, wer sich hinter den Büschen auf dem Weg bewegt, fahren wir zu.

Auf dem Weg nach Westen durchqueren wir einen kleinen Ort an einer Nord-Süd-Kreuzung. Quartzside versprüht so gar keinen Charme, dennoch verbringen hier jedes Jahr sehr viele Menschen den Winter auf einem der über 70 Campingplätze oder auf den kostenlosen Stellplätzen um das Dörfchen herum. Wir verbringen zwei Nächte im Umkreis des Dorfs, treffen einige liebe Menschen und frönen unserer Planlosigkeit. Die Grenze zwischen Reisenden und Obdachlosen ist hier fließend.

Ein Hund auf Spurensuche

Immer wieder fahren wir ein wenig weiter und finden einen Stellplatz irgendwo in der Wüste. Claudia geht mit Tuco laufen, ich gehe joggen. Komisch ist es nur, wenn man schon eine halbe Stunde am Laufen ist und auf einmal die Tapser des Hundes hinter einem hört. Da hat sich unser Hündchen wohl selbstständig gemacht und ist meinen Spuren hinterhergerannt und das obwohl ich gar nicht auf Wegen unterwegs war, sondern querfeldein in Richtung eines Canyons gelaufen bin. Ich drehe also um und wir finden Claudia kurz vor dem Auto wieder, wo sie mir berichtet, dass sie Tuco zum Spielen von der Leine nehmen wollte und er direkt losgestochen ist – auf der Suche nach dem Herrchen.

Stellplätze in der Wüste – so viel Platz!

Slab City, ein Hundekampf und schießende Helikopter

Die nächste Station unserer Reise steht sogar im Reiseführer. Slab City. Ich kenne das vermeintliche Hippie-Dorf aus dem Film „Into the Wild“ und freue mich schon total darauf. Hier finden wir bestimmt ein paar coole Charaktere und ein Plätzchen um ein paar Tage zu bleiben. Doch schon das kleine Dorf davor sieht zerfallen aus. Als wir in Slab City ankommen, traue ich meinen Augen kaum. So ein heruntergekommenes Fleckchen Erde haben wir schon sehr lange nicht mehr gesehen. Ich versuche mich die ganze Zeit an diesen Geruch zu erinnern, der mir nun durch die Nase zieht. Er erinnert mich an indische Städte, warum weiß ich nicht.

Die Gestalten, die wir treffen sehen erbärmlich aus. Eingefallene Gesicher, schlechte Zähne und die Gespräche wirr und ohne roten Faden. Eine Frau beschwert sich, dass sie nun fünf Jahre hier lebt und immer noch nicht den Weg zwischen ihrem Wohnwagen und der Kaffeebar findet, sie wiederholt sich immer wieder und schwankt leicht dabei, ist nicht bei sich. So stelle ich mir Meth-süchtige vor.

Überall liegt Müll herum, den gewünschten Charme kann ich nicht entdecken. Bin ich mal wieder nicht offen genug für andere Lebensstile? Für mich sieht Slab City wie eine Auffangstation für gescheiterte Existenzen aus, die hier in der Wüste ihren wirren Gedankengängen folgen können.

Nun fällt mir auch ein, warum mich der Geruch an Indien erinnert – es riecht nach verbranntem Müll. Wir suchen uns ein Plätzchen nicht weit von Slab City entfernt und bekommen noch Besuch von zwei größeren Wohnmobilen, unter anderem mal wieder Peter, Brigitte und Hund Oskar.

Während wir am Abend zusammensitzen hören wir auf einmal Schüsse. Diesmal ist es kein einzelner Mensch, der in der Wüste rumballert. Es sind Helikopter der US-Armee, die in den Chocolate Mountains hinter Slab City üben. Immer wieder sehen und hören wir um Dunkeln die leuchtend hellen Munitionssalven, die von den Helikoptern abgeschossen werden.

Während Claudia Peter am nächsten Morgen mal wieder die Haare schneidet bekommen sich Tuco und Oskar so richtig in die Wolle. Oskar lässt nicht von Tuco ab, bis Tuco ihn am Nacken hat und dann auch nicht mehr loslässt.

Während Tuco verletzungsfrei aus der Nummer rausgeht, muss Oskar zum Tierarzt, denn er hat eine tiefe Fleischwunde am Nacken. Wieder einmal fahren wir getrennte Wege, erkunden uns aber nach Oskars ergehen. Er muss in Narkose gelegt werden und genäht werden, schreibt mir Peter. Mist! An den Tierarztkosten beteiligen wir uns natürlich.

Wüste und Tucos Liebschaft

Immer noch aufgeregt finden wir ein Plätzchen in der Wüste, wo wir erneut ein paar Tage bleiben. WLAN, Toiletten, Duschen und das auch noch umsonst – wie praktisch. Ocotillo Wells heißt der Platz und wir teilen uns diesen mit vielen Offroad-Fans, die ihre Buggies durch die Wüste prügeln.

Erst als sich wir kaum mehr Vorräte haben, fahren wir zu. Vor Joshua Tree treffen wir auf ein junges Pärchen, das in einem Airstream wohnt. Tuco und deren Hund Parker tollen wie ein verliebtes Pärchen zwischen den Fahrzeugen umher und wir dürfen uns den wundervoll ausgebauten Airstream ansehen.

Joshua Tree selbst ist wieder einmal mit Hund etwas blöd. Trotzdem bleiben wir eine Nacht und bestaunen die Chollo-Kakteen und die Joshua Trees vor den Felsformationen, die unter Kletterern so berühmt sind. (Eigentlich könnte ich einen eigenen Beitrag nur über Joshua Tree schreiben, aber ihr müsst euch das jetzt einfach anhand der Bilder selbst vorstellen.)

Tuco, der Kaktus und das Paradies

Für eine weitere Nacht versuchen wir einen campground aufzusuchen, der sich aber als kleines Hippiedorf herausstellt. Ich versuche die ersten Worte dieses Beitrags zu schreiben, als Claudia aufgeregt, mit Tränen in den Augen, zu Calimero zurückkommt. Tuco sei vor einem freilaufenden Pitbull flüchtend über einen Kaktus gesprungen und hat es nicht geschafft. Wir bemühen uns all die Stacheln aus ihm herauszuziehen, Tuco hat sichtlich Schmerzen. Auf eine zweite Nacht hier und auch auf den Morgenspaziergang verzichten wir also und fahren weiter nach Norden. Es soll ein kleines Klettergebiet geben, wo man campen kann und den Hund auch an den Kletterfelsen nehmen darf.

Wir steuern den Sawtooth Canyon an und haben endlich unser kleines Paradies gefunden. Camping ist kostenlos, es gibt Toiletten und es ist sehr wenig los. Dazu gibt es knapp 400 Sportkletterrouten, die man in einer Minute bis 10 Minuten zu Fuß vom Auto erreichen kann. Ich klettere die ersten leichten Routen und wir entspannen uns für den Nachmittag. Hier werden wir Weihnachten verbringen beschließen wir. Die Vorräte halten noch ein paar Tage und aufstocken können wir in Barstow, 30 Kilometer entfernt.

Hier bleiben wir!

Sorgen um Tuco

Doch das Pech scheint uns zu verfolgen. Als wir am Nachmittag mit Tuco laufen gehen wollen, reagiert er nicht auf uns. Ich denke mir, dass er faul ist und schubse ihn vom Stuhl. Er kann kaum stehen, zittert, schwankt. Das ist nicht gut. Wir heben ihn zurück auf den Stuhl und wollen ihm etwas zu trinken geben, er verweigert. Ich gebe ihm ein paar Brocken zu essen, das nimmt er an und wir sind schon etwas beruhigter, aber immer noch nervös. Auf einmal fängt er an zu fiepen, hüpft vom Stuhl, fällt fast um und erbricht. Danach legt er sich ab und bleibt völlig lethargisch liegen.

Wir beschließen sofort zusammenzupacken und steuern den Tierarzt in Barstow an, der glücklicherweise noch offen hat. Tuco leidet arg auf der Fahrt über die Piste zur Hauptstraße. Erst auf dem Highway findet er etwas Ruhe. Ihn beim Tierarzt wieder aus dem Auto zu bringen, ist kaum möglich. Er will einfach seine Ruhe haben. Mit etwas schieben und ziehen bekomme ich ihn schließlich heraus. Der Tierarzt checkt ihn durch und schlägt uns vor einen Bluttest zu machen. Tuco lässt alles über sich ergehen, nur beim Fiebermessen am Hinterteil jault er die Praxis zusammen. Der Bluttest ergibt, dass er entweder einen Parasiten hat oder wahrscheinlicher eine allergische Reaktion auf irgendetwas zeigt. Wir erzählen vom Kaktus, der Arzt spekuliert aber nicht.

Tuco bekommt eine Steroid-Spritze und einige Medikamente mit auf den Weg, das war es.  Da wir eh schon in der Stadt sind, stocken wir unsere Vorräte für die nächsten Tage auf und fahren wieder zurück zum Kletter-Camping-Paradies. So richtig spektakulärlos, wie wir es uns gewünscht haben, waren die letzten Tage ja nicht.  Jetzt freuen wir uns aber auf die Weihnachtstage hier in der kalifornischen Wüste und hoffen, dass Tuco bald wieder auf den Beinen ist.

 

One comment

  1. Liebe Claudia, lieber Bernd,

    ich verfolge schon einige Zeit euch auf eurer Reise und möchte euch meinen Respekt zollen. Etliche Orte kenne ich ganz gut, und so genieße ich es, etwas darüber zu lesen.

    Ich wünsche euch eine gute Zeit und alles Gute für 2019. Ganz besonders dass es
    Tuco bald besser geht.

    LG Gaby

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