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Warum Bergsport glücklich macht!

Glücklich – das sind wir gerade. Ich sitze gerade auf 2700 Meter über dem Meer im Auto, höre Musik und schreibe, während Claudia uns ein paar Maiskolben als Mittagssnack kocht. Tuco lümmelt auf einem unserer Stühle herum und schaut den Streifenhörnchen nach, die sich immer näher an ihn heranwagen. Bergsport und Entspannung – was für eine tolle Kombination.

Wir wollten ursprünglich zwei bis drei Tage bei Lander bleiben um endlich mal wieder zu klettern. In Lander waren wir für viel Geld einkaufen und haben uns einen zweiten Helm, einen neuen Gurt, ein neues Sicherungsgerät und ein Seil gekauft. Dazu gab es gebrauchte Kletterschuhe und auch ein paar Klamotten, um Kaputtes zu ersetzen. Unsere Klamotten sind einfach Extrembedingungen ausgesetzt. Wer trägt auch schon dieselben fünf T-Shirts und drei Hosen 18 Monate lang.

Als wir im Klettergebiet Wild Iris, 40 Kilometer von Lander entfernt, ankommen, sehen wir SEHR viele Fahrzeuge. Hier kann man kostenfrei campen, es gibt eine Toilette, das Klettergebiet ist in den USA als eines der besten Sportklettergebiete bekannt und wir haben Labor Day Wochenende. Daher treffen sich hier vorrangig Kletterer aus Utah, Colorado, Montana, Oregon und Wyoming. Es scheint, als würden sich Kletterer den Wohnort nahe der Berge aussuchen oder man wird Kletterer, weil man nah an den Bergen wohnt.

Wir finden ein Plätzchen zum Stehen und machen Bekanntschaft mit einigen unserer Nachbarn. Tuco spielt mit anderen Hunden und wir sortieren unser Kletterzeug.

Ich bin ultra-aufgeregt. Es ist über zwei Jahre her, dass ich richtig klettern war. Klettern und ich hatten immer eine On-Off Beziehung. Vor vielen Jahren war ich drei bis viermal die Woche in der Kletterhalle und konnte auch schon ordentlich etwas. Damals habe ich auch neben dem Studium im Hochseilgarten gearbeitet. Dann kam das Ende des Studiums, die Arbeit, der Umzug nach Heidelberg. Meine alten Kletterpartner waren weg, ich war unter der Woche meist unterwegs. Es war schwer Anschluss zu finden. Ein paar Mal waren wir dann doch mit ein paar Arbeitskollegen klettern, aber so wie früher wurde es nie. Als wir dann zur Vorbereitung unserer Weltreise wieder an den Bodensee gezogen sind, habe ich es noch einmal versucht, mir aber nach knappen zwei Monaten Training in der Kletterhalle den Finger beim Schrauben gebrochen. Das hat mich wieder aus der Bahn geworfen und dann wurde auch die Vorbereitung für die Weltreise höher priorisiert als das Hobby.

Ich hatte vor Hochtourenkurse zu machen, zu lernen wie man Mehrseillängen vorsteigt und ich wollte Gipfeltouren in den Alpen klettern. Das war immer mein Traum und ich habe ihn nie erfüllt. Zu viel Geld hätte die Ausrüstung und auch die Kurse vor der Tour gekostet, zu viel Zeit hätte es gebraucht an den Wochenenden, an denen ich Calimero auf die Reise vorbereitet habe. Hier im Westen der USA, mit vielen Klettergebieten und auch jeder Menge Gipfel, die zu Besteigen sind, kann ich an diesem Traum wieder arbeiten.

Die Nähe zur Natur, das geplante Risiko aber auch die genialen Ausblicke machen jeden Aufwand wett. Tja, aber da ist auch schon die Krux – Claudia ist gar nicht so Bergbegeistert wie ich. Trotzdem fühlt sie sich im Camp der Kletterer wohl und sie geht mit mir klettern. Sie macht das für mich und dafür liebe ich sie. Dafür werde ich mich in naher Zukunft mal wieder auf einem Pferderücken in der Prärie sehen.

Ich nehme mir vor, nur Routen zu klettern, die ich auch vorsteigen kann. Allerdings sind das hier gar nicht so viele. Ich versuche mich an einer 5.7er Route (5+) und habe tierisch Angst. Die Hakenabstände sind enorm, meine Fähigkeiten mickrig, Muskeln nicht vorhanden und Claudia sichert das erste mal mit dem Grigri. Es gibt nur drei Bohrhaken und den Stand und ich bin mir sicher, dass ich bei einem Fehler beim clippen bis zum Boden fallen werde. Mit ein paar Päuschen auf dem Weg schaffe ich es mit viel Angstschweiß nach oben und dann darf auch schon Claudia ran, die mich mit dem neuen Grigri hervorragend gesichert hat.#

Ooooben!

Claudia hat allerdings große Schwierigkeiten mit der Höhe und wir brauchen einen Moment, bis sie den Fels schlussendlich loslässt und ich sie wieder herunterlassen kann.

So schwitzen wir uns für drei Tage durch die einfachsten Routen des Wild Iris Klettergebiet. Meine Vorstiege werden etwas sicherer, manche Routen kann ich bereits beim ersten Versuch durchsteigen – die Angst klettert aber noch mit. Claudia wird auch immer mutiger und das Ablassen funktioniert immer besser. Während sie am ersten Tag keine Route bis ganz oben klettern wollte, ist das auch kein Problem mehr.

Claudia am Topropen

Dabei klettern wir ja gar nicht den ganzen Tag. Meist klettern wir drei bis vier Routen am Morgen, machen eine ausgedehnte Mittagspause und klettern dann nochmal drei bis vier Routen am späten Nachmittag, wir haben ja Zeit und wollen uns nicht übernehmen. Manchmal bleiben wir auch länger bei einer Route um an dieser zu üben.

Wir bekommen den Tipp, dass wir im Wind River Gebirgszug eine geniale Mehrtagestour wandern können. Man kann 13 Kilometer in die Berge hineinwandern und dort inmitten von wilden Berggipfeln campen. Falls wir mit Tuco zwei Tage für den Aufstieg brauchen, geht das auch. Claudia und ich sind sofort begeistert und beginnen die Planung. Was brauchen wir noch an Ausrüstung, was Essen wir auf der Tour? Ich bin in meinem absoluten Element, die Planung einer solchen Tour macht enorm viel Spaß.

Der Plan steht, wir wollen in Lander einkaufen gehen, dann nochmal für 2 Tage ins Klettergebiet und dann die Wanderung starten. Leider werden wir aber etwas enttäuscht, als wir den Wetterbericht sehen. Sturm und Gewitter sind für die nächsten Tage im Hochgebirge angesagt. Das wollen wir uns dann doch nicht zumuten. Die einzig wahre Alternative ist also, einzukaufen und dann nochmal eine Woche im Klettergebiet zu bleiben. Wenn dann das Wetter gut ist, wagen wir den Aufstieg, ansonsten fahren wir eben weiter in den Teton National Park.

So campen wir eine Nacht im Sinks Canyon um eine einfache Kletterroute dort zu klettern und fahren einen unglaublich schönen Weg durch die Berge auf einer Piste zurück ins Klettergebiet. Da das Labor Day Wochenende nun schon vorbei ist, sind auch deutlich weniger Kletterer vor Ort.

Was Claudia da wohl macht 😉
Tuco hat Schiss vor der Hängebrücke
Lake Louise in Wyoming
Lunchbreak!

Wir suchen uns in der genialen App „Mountain Project“ ein paar neue Routen raus und führen unser kleines Klettertraining fort. Wir wollen alle 5.7er des Klettergebiets ohne Sturz oder hängen klettern und uns nebenbei an die ersten 5.8er gewöhnen.

Damals wäre ich deutlich aggressiver an die Schwierigkeitsgrade herangegangen, allerdings haben wir auch in der Halle mit optimierten Hakenabständen trainiert. Wir möchten langsam an die Touren herangehen und sind schon froh, wenn wir sie beim ersten Mal schon komplett durchsteigen können.

Obwohl Claudia weniger Bergbegeistert ist wie ich, sind wir beide total glücklich. Es tut uns total gut, an diesem wundervollen Ort zu stehen, einen geregelten Tagesablauf zu haben und uns sportlich zu betätigen.

Unser Stellplatz

Mit der App Mountain Project finden wir überall im Land tolle Klettereien und können dann auch ein paar Tage an einem Ort stehen um die Routen zu erkunden. Sobald wir wieder sicher 5.10er (6+ bis 7) klettern können, würde ich mich gerne an traditionelles klettern heranwagen, also an Kletterrouten ohne Bohrhaken, die man selbst absichern muss.

Für mich waren die letzten 1,5 Jahre auf dieser Reise ein Prozess. Ein Prozess, der mir klargemacht hat, dass ich Felsen, Berge und den Bergsport brauche um so richtig glücklich zu sein. Ein Native hat mir erst gestern gesagt, „Nature is my Church“ und das kann ich nur unterschreiben.

Immer brav mit Helm!

Mit Claudia habe ich die ideale Frau für all diese Spinnereien gefunden. Sie war am Anfang der Reiseplanung noch skeptisch ob sie in einem Auto leben kann, ob sie die Nähe zu mir dauerhaft aushält und ob unsere Interessen nicht manchmal zu stark auseinandergehen. Mittlerweile ist sie Profi-Overlanderin und schafft es immer wieder aus ihrer Komfortzone zu treten. Dann ist da noch Tuco, der uns ziemlich erdet, der sich neben Claudia legt, während sie mich sichert und mit uns gemeinsam tolle Abenteuer erleben wird. Während der Bergsport mich glücklich macht, ist es das Hündchen, was zu Claudias Glück beiträgt. Dass Tuco sich oftmals wie eine Bergziege verhält und die Wanderungen durch den Wald liebt, ist wohl noch das letzte Quäntchen Glück.

Tuco sucht sich sein Plätzchen während wir klettern.
Ist das nicht ein wundervoller Ort?

Anstatt zwei bis drei Tage sind wir schon sechs Tage in der Region und können gar nicht genug bekommen. Die Maiskolben habe ich mittlerweile auch schon verzehrt. Wir entspannen uns jetzt noch eine Weile und dann werde ich mich an meiner ersten 5.8er (6-) Route versuchen.

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3 comments

  1. Sehr toll geschrieben! Danke für den Einblick in Eure (Berg-) Gefühlswelt.
    Bewundernswert finde ich auch Eure Entscheidung für Euren 4pfotigen Reisebegleiter. Wir sind mit einem Laster unterwegs und haben uns noch nicht final für ein Reisen zu Dritt entschieden obwohl wir das super gerne wollen würden.
    Viele Grüße von Michaela

  2. Hallo ihr beiden,

    schöner Bericht mit mal wieder super schönen Bildern! Freut mich Bernd, dass du endlich mal wieder zum Klettern kommst 😊.

    Viele Grüße aus Ocean City!
    Klaus

  3. Hallo Ihr zwei,
    unregelmäßig verfolge ich Eure Traumreise und sehe, wie glücklich Ihr seid! Eure Planung mit allem drum und dran hat sich mehr als GElohnt und Ihr werdet mit einem einzigartigen Abenteuer BElohnt 🙂
    Ich wünsche Euch weiterhin eine tolle Reise mit atemberaubenden Eindrücken und schönen Begegnungen.
    Herzliche Grüße
    Konstanze

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