OhioUSAWeltreise Tagebuch

Eine Reise in die Vergangenheit – Die Welt der Amish in Ohio

Unsere Einreise von Kanada in die USA verlief einwandfrei. Von den Niagarafällen wollen wir am südlichen Ufer des Lake Erie entlang in Richtung Michigan fahren. In Ann Arbor, Michigan, wollen wir meinen alten Arbeitskollegen Georg mit Familie treffen. Da die Geburt des zweiten Kindes exakt auf unser Einreisedatum fällt, planen wir spontan noch einen Umweg in die Region der Amish ein. Wir wollen mit eigenen Augen sehen ob sie dort wirklich mit Kutschen fahren und herausfinden,  ob die Regeln wirklich so strikt sind, wie man immer hört.

Beim Volltanken legt sich mir ein Lächeln aufs Gesicht. Der Diesel ist hier noch einmal günstiger als in Kanada. Sehr, sehr gut! Für umgerechnet 72 Eurocent pro Liter tanken wir so richtig voll um den Bundesstaat New York recht schnell wieder zu verlassen.

Gegenverkehr? :O
Pennsylvania!

Ohne jegliche Abenteuer erreichen wir die Grenze zu Pennsylvania und durchqueren auch dieses sehr schnell. Ich habe immer gedacht, dass Amish hauptsächlich in Pennsylvania zu finden sind. Um Lancaster, Pennsylvania leben viele Familien, das ist aber knapp 540 Kilometer von unserer Route entfernt. Wir fahren daher nach Ohio, denn dort leben tatsächlich mehr Amish.

Wir verbringen den ganzen Tag auf der Autobahn um 480 Kilometer zu fahren. Es ist drückend heiß und als wir im Stau vor Cleveland stehen, wird Tuco unruhig. Es ist das erste Mal, dass wir ihm etwas Zuviel zumuten. Daher machen wir eine längere Pause und reißen uns allesamt noch einmal zusammen um 60 Kilometer tief ins ländliche Ohio reinzufahren.

Bernd als Beifahrer – nix als Quatsch im Kopp
Wie gefällt dir Claudias Stil? Ich find’s scharf!

Seitdem wir bei Mike in Sherbrooke abgefahren sind, haben wir unsere Strecken ausschließlich auf den Highways gemacht und das möchten wir nun wieder ändern. Wir fahren die Country Roads und die einspurigen State Highways aber überlassen die US-Interstates den gestressten Pendlern und LKW-Fahrern. Denn wir sind mit Abstand die langsamsten auf allen Straßen. Nur die Kutschen der Amish machen uns in dieser Hinsicht Konkurrenz.

Kutschen in Ohio
Auf der Zuercher Road ins Herz des Amish-Country in Ohio
Auf der Zuercher Road ins Herz des Amish-Country in Ohio

Auf den kleinen Nebenstraßen sehen wir dann unsere erste Amish-Kutsche, wobei wir im Nachhinein auch lernen, dass einige Mennoniten ebenfalls Kutsche fahren. Über einen Kamm kann man hier gar nichts scheren.

Bei einem Besuch auf der Yoder Amish Farm, lernen wir vieles über die Amish und die Mennoniten in Ohio. So gibt es ultrakonservative Mennoniten und Amish, aber auch progressivere Gruppen. Es gibt verschiedene Familienclans, die jeweils ihre Ordnung haben. In der Ordnung wird festgelegt, welche Annehmlichkeiten des heutigen Amerikas für die Familie genutzt werden können.

Es gibt Amish-Familien die durchaus schon Traktoren zur Feldarbeit nutzen, aber auch Mennoniten, die genau das verbieten.  gibt es viele Amish-Familien nicht einmal an das Stromnetz angeschlossen sind.

So richtig können wir all diese Gruppen von Mennoniten und Amish nicht auseinanderhalten. Was uns auffällt sind vor allem die Äußerlichkeiten. Klamotten haben keinerlei Muster, Männer tragen Strohhüte und Frauen ein weißes Käppchen. Die Bärte der Männer sind lang. Wir würden euch gerne zeigen, in welchem Stil sich Amish kleiden, allerdings möchten sie nicht wegen des zweiten Gebot Gottes nicht fotografiert werden.

„Su sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde“. Darauf basiert haben Puppen in einigen Amish-Familien kein Gesicht und wir dürfen auch keine Fotos der Farmbewohner machen. Weitere Bibelstellen erspare ich euch gerne.

Puppen ohne Gesichter – Creepy!

Laut Erklärungen auf Wikipedia und den Guides vor Ort können die Amish Pennsylvania-Dutch sprechen, das ein deutscher Dialekt sein soll. Die Bibeln und Gesangsbücher sind auf Deutsch und Englisch geschrieben. Allerdings kann kein einziger Amish mit uns sprechen. Sie sagen uns, dass sie einzelne Sätze auswendig können, aber für einen Dialog reicht das nicht. Vielleicht ist das in Pennsylvania anders? Wir werden das versuchen herauszufinden, wenn wir durch Pennsylvania reisen.

Ob man die Amish für eine verrückte Sekte hält oder für eine gutgläubige Religion bleibt jedem selbst überlassen. Wir bleiben zwiespältig. Die Heirat innerhalb des limitierten Genpools oder auch die Meidung von Personen die gegen die religiösen Regeln verstoßen halte ich für äußerst fragwürdig. Doch wir sind bereits durch viele Gebiete gereist, deren religiöse Regeln uns nicht behagen. Glücklicherweise müssen wir uns nicht daran halten.

Immer wieder fahren Kutschen mit lächelnden Amish an uns vorbei, wir fotografieren nur von hinten. Da hier alles Farmland ist, finden wir keinen Stellplatz und versuchen uns an unserer ersten Walmart-Übernachtung. Wir fragen nach, ob wir für eine Nacht stehen dürfen und bekommen ein OK vom Store Manager.

Wieder einmal eine Kutsche unterwegs

Vor dem Walmart steht eine Garage für Kutschen. Allerdings werden auch viele Amishe und Mennoniten mit dem Auto zum Shoppen gefahren. Denn selber fahren ist verboten, mitfahren aber nicht unbedingt!

Walmart-Kutschen-Garage

Wir stellen uns ans Ende des Walmart-Parkplatzes und direkt neben McDonalds. Dort haben wir hervorragendes Internet.  Auch hier hören wir immer wieder Hufgetrappel und die ein- oder andere Kutsche fährt vorbei. Mein Highlight ist die eine Kutsche, die direkt vor uns auf dem McDonalds Parkplatz hält. Eine ganze Familie steigt aus und begibt sich ins Fast-Food-Restaurant. Ich frage nach ob sie Amish sind und ob ich die Kutsche fotografieren darf. Sie bestätigen beides. So habe ich mir das mit den Amish nicht vorgestellt, allerdings ist mir das auch recht schnuppe. Anscheinend ist der Gang zu McDonalds weniger verwerflich als die Nutzung eines Mobiltelefons.

Die Pferdekutsche der Amish-Familie vor McDonalds

Unsere erste Walmart-Übernachtung ist erstaunlich entspannt und so kurven wir weiter durch Ohio. Wir fahren durch den Mohican State Park und die Ecke gefällt uns.

OK, der Ausblick über die “Schlucht” ist jetzt nicht sehr spektakulär

Als wir allerdings einen Platz zum Campen suchen, stellen wir fest, dass die Campingplätze allesamt völlig überteuert und sehr voll sind. Auf dem dazugehörigen Mohican River tummeln sich tausende Menschen in Kajaks, Kanus und Schwimmringen. Wir fahren über mehrere Kilometer auf einer Schotterpiste vom Fluss weg und finden auch dort keinen Platz zum freistehen. Auf dem Campingplatz am Ende dieses Weges müssten wir immer noch 40 US Dollar für eine Nacht bezahlen. Als der Betreiber erfährt, dass wir auf Weltreise sind, macht er uns ein tolles Angebot. Wir dürfen auf eine seiner vielen Wiesen im Umkreis stehen und das auch noch umsonst. Wir genießen nach den vielen Stadtbesuchen die völlige Einsamkeit auf den Wiesen Ohios.

Die Welt der Amish ist kompliziert und für uns nicht immer nachvollziehbar.  Die Regeln scheinen sich aber mit der Zeit in einigen Familien zu lockern, es bleiben aber einige ultra-konservative Amish über, die sich jeglichem Fortschritt verschließen. Wir wissen aber auch, dass wir viel zu wenig darüber wissen um urteilen zu können. Was denkst du über die Amish? Wir freuen uns auf deinen Kommentar!

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4 comments

  1. hallo ,ihr 3
    Vielen Dank für den interessanten Bericht.
    Bin froh das Calimero wieder Meilen abarbeitet und Tuco Euch beide als Familie annimmt.Freue mich auf den nächsten bericht und tolle Fotos,Drive safe und weiterhin viel Freude,Abenteuer und tolle Begegnungen
    Der Siggi

  2. Ich bin in einer Sekte aufgewachsen, die Ähnlichkeiten mit den Amish hat, 25 Jahre lang.
    Es hat mich dann weitere 25 Jahre meines Leben gekostet, mich mental von dieser Fessel zu befreien. Erst danach habe ich erfahren, wer Jesus wirklich ist.
    Eine Australierin, der es ähnlich erging, wie mir, hat in ihrem Buch sehr treffend bezeichnet: Solche Religionsgemeinschaften sind wir ein Briefumschlag. Es wird alles getan, um den Briefumschlag zu beschützen, er ist das höchste Gut. Und haben dabei vergessen, dass der Briefumschlag einen Brief enthielt.
    Erschütternd!

    1. Wow Julie,
      danke für den Einblick – es ist sehr schwer das von außen zu beurteilen, denn es sieht alles sehr nach “Friede, Freude, Eierkuchen” aus. Freut mich dass du dich aus deiner Fessel befreien konntest und deinen Glauben richtig finden konntest! Hast du darüber mal geschrieben? Würde mich über einen Link freuen.

      Liebe Grüße,
      Bernd

      1. Das mit dem “Friede, Freude, Eierkuchen” kenne ich gut. Es wird einem vorgegaukelt, dass die Welt da draußen schlecht und verloren ist und nur hier in der alleinseligmachende göttlichen Familie ist man sicher.
        Man glaubt dies und es ist ist extrem schwer, da herauszufinden, da man ja nichts anderes kennt. Das verfolgt einen das halbe Leben.
        Gehirnwäsche nennt man das auch. Man ist nicht mehr fähig, eigenständig zu denken.

        Ja, das kann von außen schön aussehen, aber wehe man durchdringt die Schale… dann wird es bitterlich.

        Ja, ich habe mal angefangen, ein Buch darüber zu schreiben. Aber dann habe ich mich entschieden, lieber durch die Welt zu reisen. So wie ihr.
        Da ich eine halbe Australierin bin, hier ein Buch von einer Mitleidenden, die darüber geschrieben hat: https://www.amazon.de/Cult-Christ-Church-Witness-Doctrine-ebook/dp/B00WOYK77G/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1534707565&sr=8-1&keywords=Cult+to+Christ

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